
Atom-Wärme mitten in Helsinki: Und Deutschland schaut wieder nur zu!
Finnland baut einen Mini-Reaktor fürs Heizen mitten in seine Hauptstadt. In der Turbinenhalle des stillgelegten Kohlekraftwerks Salmisaari B, etwa zwei Kilometer vom Parlament entfernt, entsteht der originalgroße Prototyp eines nuklearen Fernwärmewerks. Das Pikante daran: Auch in Deutschland wäre so eine Anlage trotz Atomausstieg wohl erlaubt.
Ein Reaktor so groß wie ein Schiffscontainer
Hinter dem Projekt steht das Start-up Steady Energy, das im Mai 2023 aus dem staatlichen finnischen Forschungszentrum VTT hervorgegangen ist. Am 12. Februar 2026 wurde der erste Beton gegossen, Klimaministerin Sari Multala war bei der Zeremonie dabei. Sie lobte das Projekt Berichten zufolge als Schritt auf Finnlands Weg zur Supermacht für saubere Energie, bei dem bezahlbare Kosten und stabile Produktion den Ausschlag gäben.
Der Reaktortyp LDR-50 liefert keinen Strom, sondern nur Wärme: 50 Megawatt thermische Leistung bei rund 150 Grad und weniger als 10 bar Druck. Zum Vergleich: Das ist technisch eher ein großer Kessel als ein klassisches Kernkraftwerk. Laut Hersteller sollen die Module später unterirdisch in Hallen stehen, die so robust gebaut sind wie ein Schutzbunker.
Zuerst ein Test ohne Uran
Beim Pilotprojekt kommt noch kein Kernbrennstoff zum Einsatz. Ein elektrisches Heizelement simuliert die Wärme eines echten Reaktorkerns, weil zunächst die Sicherheitssysteme getestet werden sollen. Die entstehenden rund 6 Megawatt fließen direkt ins Fernwärmenetz des städtischen Versorgers Helen. Das Budget liegt bei 15 bis 20 Millionen Euro, die das Unternehmen Medienberichten zufolge aus eigenem Kapital stemmt.
Die vergessene Hälfte der Energiewende
In Berlin dreht sich die Energiedebatte fast nur um Strom, um Windräder, Solardächer und Netzausbau. Dabei entfällt mehr als die Hälfte des Endenergieverbrauchs auf Wärme und Kälte, und genau dort kommen die Erneuerbaren nur schleppend voran. Wer an das Heizungsgesetz denkt, weiß ohnehin, wie teuer planwirtschaftlicher Übereifer für Hausbesitzer werden kann.
Die Finnen gehen die Sache pragmatisch an. Ihre Atomaufsicht STUK schreibt seit Februar 2024 keine starren Notfallzonen von 5 und 20 Kilometern mehr vor, sondern prüft jeden Fall einzeln. Damit rücken kleine Reaktoren an die Wohngebiete heran, also genau dorthin, wo die Wärme gebraucht wird. Mehrere Staaten zeigen Interesse, darunter laut Unternehmen Polen, Schweden und Südkorea.
Die Lücke im deutschen Atomgesetz
Dass Deutschland am 15. April 2023 seine letzten drei Kernkraftwerke abgeschaltet hat, heißt noch lange nicht, dass Kernspaltung hier komplett verboten ist. Das Atomgesetz untersagt ausdrücklich nur neue Reaktoren zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität. Das hat nach Medienberichten sogar das Bundesumweltministerium bestätigt. Von reinen Heizreaktoren steht dort nichts.
Diese Lücke will der frühere EnBW-Technikvorstand und ehemalige Deutschlandchef von Areva, Ulrich Gräber, mit der neu gegründeten Fermi Deutsche Industriekraft GmbH nutzen. Die Rechnung klingt verlockend. Steady Energy verspricht Wärme für unter 40 Euro je Megawattstunde. Deutsche Fernwärme kostet laut Berichten oft mehr als 100 Euro. Damit wäre der Preis mehr als halbiert.
Die Skeptiker melden sich
Ganz ohne Haken ist das Ganze nicht. Kritiker bemängeln, dass die Studie zur Wirtschaftlichkeit von VTT-Forschern stammt, also aus dem Umfeld der Entwickler. Die Studie rechne mit zwei Jahren Bauzeit und mit Investitionskosten, die auf Gesprächen mit Herstellern beruhten. Außerdem fehle hierzulande die nukleare Lieferkette. Ein Fachjurist merkte laut Berichten an, ob eine Behörde sich mit der Genehmigung beeilen würde, sei eine politische Frage.
Und genau da liegt das Problem. Es fehlt nicht an Technik oder Paragrafen, sondern am politischen Willen.
Fazit: Mut zur Technologieoffenheit
Während Helsinki seine Kohle-Ära beendet und dadurch laut Versorger rund 30 Prozent weniger CO₂ ausstößt, streitet Deutschland über Ideologie statt über Kilowattstunden. Die Regierung von Friedrich Merz hatte Technologieoffenheit versprochen. Hier könnte sie beweisen, dass sie es ernst meint. Für Familien und Mittelstand, die unter hohen Energiekosten ächzen, wäre das mehr als nur eine technische Randnotiz.

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