
ARD-Chef gibt Fehler zu: „Bei Migration nicht kritisch genug“

Ein Satz, auf den viele Gebührenzahler lange gewartet haben: Florian Hager, Intendant des Hessischen Rundfunks und seit Anfang 2025 Vorsitzender der ARD, räumt Versäumnisse bei der Berichterstattung über Migration ein. Im Podcast „Ronzheimer“ zeigte er außerdem Verständnis für die Sorgen von AfD-Wählern. Und er gab zu, dass die Öffentlich-Rechtlichen oft belehrend wirkten.
Ist das ein echtes Umdenken oder nur Schadensbegrenzung in einer Zeit, in der der Rundfunk unter Druck steht wie selten zuvor? Die Antwort hängt davon ab, was nach den Worten kommt.
Das Eingeständnis, das niemand erwartet hatte
Auf die Berichterstattung über Einwanderung angesprochen, wurde Hager auffallend deutlich:
„Beim Thema Migration muss man wahrscheinlich auch selbstkritisch sagen: Wir haben in der Vergangenheit auch nicht alles richtig gemacht und waren an manchen Stellen wahrscheinlich nicht kritisch genug, haben Dinge nicht hinterfragt.“
Er berichtete von Gesprächen mit Kommunen und Bürgermeistern, die Probleme vor Ort nicht lösen könnten. Wenn er höre, wie Dinge vor Ort einfach nicht funktionierten, dann hätten diese Themen in der eigenen Berichterstattung womöglich zu wenig stattgefunden, so der ARD-Chef.
Das ist bemerkenswert. Viele Bürger, Landräte und Bürgermeister haben jahrelang über überlastete Turnhallen, fehlende Kita-Plätze und wachsende Sicherheitsprobleme geklagt. Für viele Zuschauer bestätigt Hager damit, was sie längst gespürt haben: Ihre Lebenswirklichkeit kam in den Hauptnachrichten oft nur am Rande vor.
„Es ist unser Problem“: Verständnis für AfD-Wähler
Hager will nach eigenen Worten zwischen AfD-Politikern und ihren Wählern unterscheiden. Die Sorgen dieser Menschen dürfe man nicht übergehen. Herrsche bei ihnen das Gefühl, nicht vertreten oder nicht gesehen zu werden, dann sei das „ein Riesenthema“ für die ARD. Man könne dann nicht sagen, das sei deren Problem, sondern es sei „unser Problem“.
Nachdenklich hätten ihn Gespräche mit Polizisten gemacht. Wer seit Jahren in dasselbe schwierige Viertel fahre und keine Veränderung erlebe, „egal, wer regiert hat“, fühle sich von der Politik nicht gehört. Dass solche Menschen irgendwann einen Wechsel wollten, sei inhaltlich schwierig, „aber nachvollziehbar“.
Die Akademiker-Blase in den Redaktionen
Hager sprach auch die Ausbildung an. In die Volontariate seien häufig besonders gute Bewerber aus Akademikerfamilien gekommen. Dadurch könnten Redaktionen den Bezug zu anderen Lebensrealitäten verlieren. Den Eindruck mancher Zuschauer, die ARD komme „an der einen oder anderen Stelle belehrend“ rüber, könne er verstehen. Man versuche deshalb, Gegenmeinungen stärker mitzudenken.
Ehrlich gesagt ist das eine Diagnose, die Kritiker seit Jahren stellen. Wenn ein Handwerkermeister aus der Provinz die Nachrichten einschaltet und sich dort selten wiederfindet, liegt das nicht an ihm.
Die Existenzangst hinter der Selbstkritik
Den Zeitpunkt sollte man genau betrachten. Hager kritisierte zugleich Ankündigungen von AfD-Politikern, etwa in Sachsen-Anhalt, die Rundfunkstaatsverträge zu kündigen. Darin sieht er eine Bedrohung für die Existenz der ARD. Medienberichten zufolge hat AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund vor der Landtagswahl angekündigt, den Medienstaatsvertrag zu kündigen und den Rundfunkbeitrag abzuschaffen. Laut Berichten gilt für den MDR-Staatsvertrag eine Kündigungsfrist von zwei Jahren.
Dazu kommt der Streit ums Geld. Die ARD-Anstalten haben gemeinsam mit dem ZDF Verfassungsbeschwerde eingelegt, um eine Erhöhung des Rundfunkbeitrags durchzusetzen. Die Länder hatten die Erhöhung über die bisherigen 18,36 Euro im Monat hinaus nicht beschlossen. Eine Anstalt, die mehr Geld von den Bürgern verlangt, braucht deren Vertrauen. Und genau das scheint zu bröckeln.
Worte sind billig, Taten zählen
Hagers Offenheit verdient Anerkennung, denn solche Sätze hört man von der Spitze der ARD selten. Doch ein einzelnes Interview ändert noch kein Programm. Entscheidend ist, ob Bürgermeister, Polizisten und Pendler künftig in den Sendungen genauso ernst genommen werden wie Experten aus der Großstadt.
Die Beitragszahler werden genau hinsehen. Sie zahlen schließlich jeden Monat dafür, ob sie wollen oder nicht.
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