
Alkoholverbot an 5.400 Bahnhöfen: Die Deutsche Bahn kapituliert vor der Gewalt, die die Politik erst geschaffen hat

Es ist ein EingestĂ€ndnis von historischer Tragweite, verpackt in die nĂŒchterne Sprache eines Konzernbeschlusses: Die Deutsche Bahn will bis Mitte Oktober an sĂ€mtlichen ihrer rund 5.400 Bahnhöfe ein flĂ€chendeckendes Alkoholverbot verhĂ€ngen. Kein Bier auf dem Bahnsteig, kein Branntwein am Gleis, keine Flasche mehr in der Wartehalle. Was auf den ersten Blick nach einer harmlosen OrdnungsmaĂnahme klingt, ist in Wahrheit ein Offenbarungseid â und zwar nicht der Bahn, sondern eines Staates, der seine eigene öffentliche Ordnung lĂ€ngst nicht mehr im Griff hat.
âGenug ist genug" â wenn ein Konzern sagt, was die Politik verschweigt
Die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, Evelyn Palla, fand dem Vernehmen nach klare Worte. Es reiche, genug sei genug, man greife nun noch hĂ€rter durch. Man wolle mehr Ordnung und Sicherheit auf den Bahnhöfen und in den ZĂŒgen, es zĂ€hle einzig der Schutz der Kollegen und der Reisenden. Bemerkenswert, dass es offenbar erst eines Bahnvorstands bedarf, um auszusprechen, was jeder Pendler, jede Mutter mit Kinderwagen und jeder Nachtreisende in diesem Land seit Jahren am eigenen Leib erfĂ€hrt.
âZu oft habe man feststellen mĂŒssen, dass dort, wo viel Alkohol flieĂe, auch die Gewalt zunehme."
Man reibt sich verwundert die Augen. Ist es wirklich allein der Alkohol, der die deutschen Bahnhöfe in AngstrĂ€ume verwandelt hat? Oder ist das Alkoholverbot nur das bequeme Feigenblatt, hinter dem sich das eigentliche Problem verstecken lĂ€sst â nĂ€mlich das vollstĂ€ndige Versagen der inneren Sicherheit in diesem Land?
Ein Sicherheitsmann stĂŒrzt aus dem fahrenden Zug
Wie brutal die RealitĂ€t geworden ist, zeigt der jĂŒngste Vorfall. Am vergangenen Freitagabend, zwischen Offenburg und Karlsruhe, eskalierte einmal mehr eine simple Ticketkontrolle. Am Bahnhof Ettlingen-Bruchhausen soll ein betrunkener Fahrgast einen Mitarbeiter der DB-Sicherheit angegriffen haben. Das ErschĂŒtternde: Der Bahnmitarbeiter stĂŒrzte wĂ€hrend der Fahrt aus dem Zug und wurde lebensgefĂ€hrlich verletzt. Ein Mann, der lediglich seine Arbeit verrichtete, fĂŒr unsere Sicherheit sorgen sollte â und am Ende selbst zum Opfer wurde.
Solche Meldungen hĂ€ufen sich mit einer Frequenz, die lĂ€ngst nicht mehr als Einzelfall abgetan werden kann. Ăbergriffe in ZĂŒgen, Attacken an Bahnsteigen, Messerangriffe in InnenstĂ€dten â die Bundesrepublik hat sich in Teilen in ein Land verwandelt, in dem das Gewaltmonopol des Staates zur Fiktion verkommt. Am Kölner Hauptbahnhof, einem der gröĂten Verkehrsknoten des Landes, gilt das Trinkverbot bereits. Nun folgt der Rest der Republik.
SymptombekÀmpfung statt Ursachenforschung
Man muss die MaĂnahme der Bahn nicht per se verurteilen. Wer seine Mitarbeiter schĂŒtzen will, verdient Respekt. Doch ein Alkoholverbot ist bestenfalls ein Pflaster auf einer klaffenden Wunde. Denn die eigentliche Frage lautet: Wie konnte es so weit kommen, dass ein Konzern zu solchen NotmaĂnahmen greifen muss, weil der Staat seine Kernaufgabe â den Schutz der BĂŒrger â schlicht nicht mehr erfĂŒllt?
Die Antwort liegt in einer jahrelangen Politik, die Sicherheit als nachrangiges Thema behandelte, die Polizei kaputtsparte, den Rechtsstaat aushöhlte und eine ungesteuerte Zuwanderung zulieĂ, deren Folgen wir heute an jedem Bahnhof besichtigen können. Es ist â und das ist nicht allein die Meinung unserer Redaktion, sondern die einer wachsenden Mehrheit im Land â die schlichte Wahrheit, dass diese VerhĂ€ltnisse das Ergebnis einer verfehlten Politik sind. Ein Land, das seine öffentlichen RĂ€ume nicht mehr sichern kann, hat an anderer Stelle bereits kapituliert.
Wenn der Bahnsteig zum Spiegelbild des Landes wird
Der Bahnhof war einmal ein Ort des Aufbruchs, ein Symbol fĂŒr Fortschritt und Verbindung. Heute ist er zum Sinnbild fĂŒr einen Staat geworden, der die Kontrolle verloren hat. Ein Verbot mag kurzfristig fĂŒr Beruhigung sorgen â doch wer glaubt, dass ein paar Schilder mit durchgestrichener Bierflasche das grundlegende Problem lösen, der irrt gewaltig. Was Deutschland braucht, sind nicht mehr Verbote fĂŒr die anstĂ€ndigen BĂŒrger, sondern eine kompromisslose Durchsetzung von Recht und Gesetz gegen jene, die unsere Ordnung mit FĂŒĂen treten.
Bis dahin bleibt den Reisenden nur, sich an die neue NormalitĂ€t zu gewöhnen: Ein Land, in dem selbst ein simpler Bahnhofsbesuch zur Mutprobe geworden ist. Genug ist genug â da hat die Bahnchefin völlig recht. Nur richtet sich dieser Satz eigentlich an ganz andere Adressaten in Berlin.

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