
Aktenberg-Rekord: 1,1 Millionen Strafverfahren bleiben liegen

Deutschlands Strafverfolger versinken in Papier. Zur Jahresmitte 2026 lagen bundesweit erstmals mehr als 1,1 Millionen Ermittlungsverfahren gegen namentlich bekannte Beschuldigte unerledigt bei den Staatsanwaltschaften â rund 125.700 FĂ€lle oder 13 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Das geht aus einer Erhebung der vom Deutschen Richterbund herausgegebenen âDeutschen Richterzeitungâ bei den Landesjustizverwaltungen hervor.
Sechs Jahre, 56 Prozent mehr RĂŒckstau
Ein Blick zurĂŒck macht die Dimension klar: Mitte 2025 waren es 981.633 offene Verfahren, Ende 2020 noch 709.367. Der Berg ist seither um rund 56 Prozent gewachsen. Das ist kein statistischer Ausrutscher, sondern ein Trend, der sich Jahr fĂŒr Jahr verfestigt.
Und der Zulauf bricht nicht ab. Allein im ersten Halbjahr 2026 gingen den Angaben zufolge mehr als 2,7 Millionen neue Verfahren ein â etwa 52.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. FĂŒr das Gesamtjahr zeichnen sich damit erneut deutlich ĂŒber fĂŒnf Millionen neue FĂ€lle ab.
Schleswig-Holstein mit dem stÀrksten Zuwachs
Regional fĂ€llt das Bild drastisch auseinander. In Schleswig-Holstein stapelten sich Ende Juni 47.831 unerledigte Verfahren â gut 43 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. In Mecklenburg-Vorpommern lag das Plus bei knapp 40 Prozent. Den gröĂten Aktenberg trĂ€gt Nordrhein-Westfalen mit mehr als 300.000 offenen Ermittlungsverfahren.
Auch Niedersachsen meldet ZuwĂ€chse: 82.135 unbearbeitete FĂ€lle nach 73.741 im Vorjahr, bei 289.092 neuen Verfahren im ersten Halbjahr gegenĂŒber 272.289 zuvor. Bemerkenswert: Rheinland-Pfalz ist laut der Umfrage das einzige Land, das den Bestand senkte â von 33.077 auf 32.165 Verfahren, und das trotz gestiegener Eingangszahlen. Im Saarland und in ThĂŒringen wuchs der RĂŒckstand dagegen selbst bei sinkenden EingĂ€ngen.
âStrafverfolgung nach Kassenlageâ
Der Richterbund sieht die Justiz am Anschlag. BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer Sven Rebehn wurde mit deutlichen Worten zitiert:
âDen Strafverfolgern steht die Verfahrensflut bis zum Hals.â
Die Landesregierungen mĂŒssten angesichts der Rekordzahlen konsequent gegensteuern, so der Verband. Rebehn warnte demnach, die Politik werde weiteres Vertrauen in der Bevölkerung verlieren, wenn sich der Eindruck einer âStrafverfolgung nach Kassenlageâ verfestige. Zwar wĂŒrden in einigen LĂ€ndern zusĂ€tzliche Stellen geschaffen â doch die Verfahrenszahlen wĂŒchsen schneller als die Personaldecke. Nach Verbandsangaben fehlen bundesweit rund 2.000 StaatsanwĂ€lte und Strafrichter.
Was aus Sicht unserer Redaktion wirklich auf dem Spiel steht
Ein Staat, der Straftaten erfasst, aber nicht mehr zĂŒgig ahndet, verliert seine wichtigste WĂ€hrung: GlaubwĂŒrdigkeit. Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist ein Rekordniveau bei der registrierten KriminalitĂ€t und einen deutlichen Anstieg von Messerangriffen aus â gleichzeitig wachsen die Aktenberge. FĂŒr viele BĂŒrger ist das eine bittere Rechnung.
Bemerkenswert ist der Kontrast der PrioritĂ€ten. FĂŒr Infrastruktur und Klimaziele wurden dreistellige MilliardenbetrĂ€ge mobilisiert, teils grundgesetzlich verankert. Bei Gerichten und Staatsanwaltschaften hingegen, dem harten Kern staatlicher Kernaufgaben, geht es um einige Tausend Stellen â und selbst die kommen offenbar zu langsam. Kritiker sehen darin ein Symptom politischer Schwerpunktsetzung, die den Rechtsstaat verwaltet statt ihn zu stĂ€rken.
Wer das Vertrauen in den Rechtsstaat erhalten will, muss ihn arbeitsfĂ€hig halten. Sonst bleibt am Ende nur die Statistik â und die Erfahrung der BĂŒrger, dass Anzeigen im Aktenschrank verschwinden.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine Rechts- oder Steuerberatung. Er gibt die EinschÀtzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder.
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