
Zensur mit Absender: Musk stellt staatliche Löschwünsche bloß

Elon Musk hat am Samstag, dem 15. August, angekündigt, dass Löschforderungen von Regierungen auf seiner Plattform X künftig offen sichtbar gemacht werden. Betroffen sind sowohl gelöschte Beiträge als auch gesperrte Konten. Als erstes Beispiel wurde ein Filter öffentlich, den Brasiliens Regierung mit Blick auf die bevorstehenden Wahlen verlangt haben soll.
Musks Ankündigung ist knapp und kampflustig: Jede von Regierungen verlangte Zensur werde jetzt deutlich zu sehen sein. Wer künftig eine Sperre kassiert, soll erfahren, welche Behörde dahintersteckt – und auf welche Rechtsgrundlage sie sich beruft.
Vom stillen Löschen zum offenen Namensschild
Bislang lief das Spiel anders herum. Plattformen entfernten Inhalte, verwiesen auf ihre eigenen „Gemeinschaftsstandards“ oder blendeten Beiträge regional aus – und die Behörde, die den Anstoß gab, blieb unsichtbar. Der Nutzer stand vor einer grauen Box und rätselte.
Genau diese Konstruktion war für Politik und Aufsichtsbehörden ausgesprochen bequem: Den Ärger der Öffentlichkeit kassierte der Konzern, die Entscheidungsmacht blieb im Amt. X will diese Rechenschaftspflicht nun sichtbar dorthin zurückgeben, wo sie nach Auffassung des Unternehmens hingehört – zu Regierungen und Regulierern.
Möglich wird das über den Empfehlungsalgorithmus, den X Medienberichten zufolge seit Anfang 2026 in Teilen als Open Source veröffentlicht und regelmäßig aktualisiert. Darin tauchte nun auch der brasilianische Wahlfilter auf, der bestimmte Beiträge aus den Empfehlungen heraushalten soll.
Der unbequeme Haken: X löscht trotzdem
So markant die Geste, so ernüchternd die Praxis. Nach Auswertungen, über die Fachmedien berichten, erfüllte X unter Musk je nach Zeitraum zwischen 83 und knapp 99 Prozent der staatlichen Löschanfragen – mehr als zu Twitter-Zeiten. Transparenz ist eben nicht dasselbe wie Widerstand.
Kritiker sehen darin deshalb eine wirkungsarme Geste: Wer fast jede Anordnung umsetze, betreibe faktisch weiter Löschung, nur eben mit Beipackzettel. Befürworter halten dagegen, dass dokumentierte Anordnungen politischen Druck erzeugen und Behörden zu sorgfältigeren Begründungen zwingen könnten. Für Forscher und Journalisten wäre es jedenfalls ein Novum, Regeln und tatsächliches Verhalten einer Plattform abgleichen zu können.
Brüssel als eigentlicher Adressat?
Der Zeitpunkt dürfte kein Zufall sein. Die EU-Kommission hatte gegen X im Dezember 2025 auf Basis des Digital Services Act eine Strafe von 120 Millionen Euro verhängt – wegen Verstößen gegen Transparenzpflichten. Musk reagierte damals mit der Forderung, die EU solle abgeschafft werden; US-Außenminister Marco Rubio sprach Berichten zufolge von einem Angriff auf Amerika.
Nun liefert Musk Transparenz – aber eine, die Brüssel womöglich weniger gefällt als erhofft. Denn sie richtet den Scheinwerfer nicht auf den Konzern, sondern auf die Ämter, die löschen lassen wollen.
Aus Sicht unserer Redaktion ist das der eigentlich spannende Punkt der Debatte: Wer entscheidet in einer freien Gesellschaft eigentlich, was gesagt werden darf – und lässt sich dabei in die Karten schauen? In Deutschland haben sich Grüne, SPD und Linke von X bereits zurückgezogen. Die Frage, wie viel staatliche Einflussnahme auf digitale Debatten Bürger akzeptieren wollen, bleibt davon unberührt.
Ob Wettbewerber wie Meta nachziehen, ist offen. Bislang deutet nichts darauf hin.
Hinweis: Der Begriff „Zensur“ meint hier nachträgliche staatliche Löschungen. Das Zensurverbot des Grundgesetzes (Art. 5 Abs. 1 GG) erfasst nur die Vorzensur; nachträgliche Eingriffe werden juristisch als Eingriff in die Meinungs- und Pressefreiheit bewertet. Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der vorliegenden Informationen wieder und stellt keine Rechtsberatung dar.

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