
Wurst-Riese zieht den Stecker: Aus für Schulte-Werk in Dissen!

Die Zur-Mühlen-Gruppe, Deutschlands größter Wursthersteller, macht ihr Schulte-Werk in Dissen am Teutoburger Wald dicht. Die Produktion wandert ins neun Kilometer entfernte Versmold-Loxten in Nordrhein-Westfalen. Betroffen sind 230 Beschäftigte. Ein Termin für die endgültige Schließung steht noch nicht fest.
Der Fall wirkt auf den ersten Blick wie eine Randnotiz aus der Provinz. Tatsächlich zeigt er, wie stark eine ganze Branche unter Druck steht, die für Millionen Deutsche zum Alltag gehört: vom Frühstücksbrot bis zum Grillabend.
Gnadenfrist für die Belegschaft
Für die Mitarbeiter gibt es zumindest einen Lichtblick. Nach Angaben des Unternehmens sollen alle 230 Beschäftigten in Loxten weiterarbeiten können, und zwar zu ihren bisherigen Arbeitsbedingungen und mit angerechneter Betriebszugehörigkeit. Der Konzern rechne damit, dass eine große Mehrheit zusage.
Ob am Ende wirklich alle umziehen, ist allerdings offen. In Loxten arbeiten bislang rund 650 Menschen für „The Family Butchers“. Beide Standorte gehören zur Premium Food Group, die früher unter dem Namen Tönnies-Gruppe bekannt war. Was mit dem Werksgelände in Dissen passiert, ist noch unklar.
Marode Hallen mitten im Wohngebiet
Als Grund nennt der Konzern vor allem die Kosten. In Dissen müsste kräftig in die Instandhaltung investiert werden. Bei der angespannten Marktlage würde sich das auf Dauer nicht lohnen. Dazu kommt die Lage: Das Werk steht mitten in einem Wohngebiet und kann deshalb kaum erweitert werden.
Loxten dagegen ist nicht ausgelastet. Legt man beide Werke zusammen, sollen die Maschinen besser laufen und die Kosten sinken. Betriebswirtschaftlich ist das nachvollziehbar. Für Dissen bedeutet es trotzdem, dass ein Stück Industriegeschichte verschwindet.
Ein Gigant mit bekannten Marken
Zur Mühlen ist kein kleiner Betrieb. Zur Gruppe gehören bekannte Marken wie Böklunder, Gutfried, Zimbo, Schulte, Könecke und Jensen's. Nach eigenen Angaben kommt das Unternehmen auf einen Marktanteil von 22 Prozent. Dass selbst ein Marktführer Werke schließt, sagt viel über die Lage der Branche.
Zweiter Kahlschlag in nur einem Jahr
Für die Gruppe ist es bereits die zweite große Standortentscheidung im Jahr 2026. Im Februar endete die Produktion der Eberswalder Wurstwerke in Britz in Brandenburg. Nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten fielen dabei mehr als 500 Arbeitsplätze weg.
Hinter dem Umbau steht auch die Übernahme von The Family Butchers durch die Premium Food Group im September 2025. Das Bundeskartellamt hatte den Zusammenschluss erlaubt. Jetzt wird zusammengelegt und gestrichen, wie man es nach Fusionen oft beobachtet.
Teure Heimat, billige Konkurrenz
Die Probleme betreffen nicht nur einen Konzern. Die Wurstbranche kämpft mit Absatzmengen, die stagnieren oder sinken, und gleichzeitig mit steigenden Kosten für Personal, Energie und Logistik. Hinzu kommt Konkurrenz aus dem Ausland, wo günstiger produziert wird. Seit Mitte 2025 haben mehrere deutsche Hersteller Insolvenz angemeldet oder sich nur durch eine Übernahme retten können.
Dabei essen die Deutschen nicht einfach weniger Fleisch. Laut der amtlichen Versorgungsbilanz stieg der Verzehr 2025 sogar auf 54,9 Kilogramm pro Kopf, ein Plus von 1,4 Kilogramm. Gleichzeitig nahmen die Fleischimporte um fast elf Prozent auf rund 3,6 Millionen Tonnen zu. Die Nachfrage ist also da. Bedient wird sie aber zunehmend aus dem Ausland.
Das ist das eigentliche Warnsignal. Wenn selbst die Grundversorgung mit Lebensmitteln im eigenen Land immer weniger wirtschaftlich ist, liegt das nicht nur am Management. Hohe Energiepreise, Bürokratie und steigende Abgaben belasten seit Jahren genau die Unternehmen, die hierzulande produzieren. Die Bundesregierung verspricht eine Wirtschaftswende. In Dissen ist davon bisher wenig zu sehen.
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