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Kettner Edelmetalle
13.06.2026
09:11 Uhr

Wenn der Computer den Kommentar schreibt: KI-Skandal erschüttert die deutsche Medienlandschaft

Es ist ein Lehrstück über den Zustand des deutschen Journalismus. Stephan-Andreas Casdorff, langjähriges Aushängeschild und einstiger Chefredakteur des Tagesspiegel, soll mehrere Meinungsbeiträge nicht etwa selbst verfasst, sondern von einer Künstlichen Intelligenz schreiben lassen haben – und das ohne jede Kennzeichnung. Die Konsequenz: Der 67-Jährige, zuletzt als „Editor-at-Large“ tätig, wurde vorerst von allen publizistischen Aufgaben entbunden. Seine Texte verschwinden bis zum Abschluss einer Prüfung aus dem Netz.

Der Plagiatsjäger schlägt zu

Aufgeflogen ist die ganze Affäre durch die Hartnäckigkeit des österreichischen Plagiatsjägers Stefan Weber. Dieser konfrontierte Casdorff direkt mit dem Verdacht und setzte ihm eine Frist von 48 Stunden für eine Stellungnahme. Im Mittelpunkt: ein Kommentar über Klaus Wowereits berühmten Coming-out-Satz. Kurz darauf knickte der Routinier ein und legte ein bemerkenswert offenes Geständnis ab.

„Ich habe einen Riesenfehler gemacht, habe dem Haus geschadet und mir. Dafür bitte ich von ganzem Herzen um Entschuldigung. Für die Texte habe ich KI genutzt. Das hätte ich kenntlich machen müssen und sie deswegen nicht publizieren dürfen.“

Man fragt sich unwillkürlich: Wie naiv muss man sein, um zu glauben, dass dies niemandem auffällt? Weber jedenfalls formulierte es treffend mit den Worten aus der Zauberflöte: „So ist denn alles Heuchelei!“ Und ergänzte spöttisch: „Ja, haben denn alle den Verstand verloren?“

Wenn Maschinen woke Platitüden produzieren

Besonders entlarvend ist Webers Analyse der verräterischen Textbausteine. Er verweist auf Formulierungen, die geradezu nach maschineller Produktion klingen. Sätze wie „Toleranz ist kein Zustand, der einmal erreicht und dann dauerhaft gesichert wäre. Sie muss immer wieder eingeübt werden“ – das sei der typische Sound der neuen digitalen Schwurbler.

Und hier wird es brisant: Weber stellt eine Beobachtung in den Raum, die so manchen Leser aufhorchen lassen dürfte. Der ganze KI-generierte Wortmüll, so seine These, sei stets mit einer woken Haltung und meist auch einer linken Agenda verknüpft. Eine bemerkenswerte Feststellung über jene Republik der Gesinnungsjournalisten, die uns seit Jahren erklären wollen, wie wir zu denken und zu fühlen haben.

Kein Einzelfall – ein Symptom

Der Fall Casdorff steht keineswegs allein. Erst kurz zuvor hatte die FAZ einen Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) von ihrer Internetseite entfernt und im Archiv gesperrt – ebenfalls wegen des Verdachts, hier habe eine Maschine die Feder geführt. Während Casdorff handfeste Konsequenzen erntete, blieb Voigt bislang weitgehend ungeschoren. Weber führt das auf die übliche Mechanik zurück: Die Show müsse eben weitergehen, um jeden Preis.

Pikant ist sein Seitenhieb auf die öffentlich-rechtlichen Sender, die er mit Methoden aus DDR-Zeiten vergleicht. Statt kritischer Nachfragen werde der Politiker als sympathischer Familienvater präsentiert. Wer einmal verstanden hat, wie selektiv in deutschen Redaktionsstuben das Mikrofon gehalten wird, den wird diese Einschätzung kaum überraschen.

Was bleibt von der vierten Gewalt?

Der eigentliche Skandal liegt tiefer. Hier offenbart sich ein Berufsstand, der seine eigene Aufgabe – Recherche, Urteilsbildung, sprachliche Eigenleistung – an Algorithmen delegiert und dabei die Leser für dumm verkauft. Wenn ausgerechnet jene, die mit erhobenem Zeigefinger über „Fake News“ und „Desinformation“ schwadronieren, selbst zur maschinellen Textfabrik greifen, dann ist das Maß an Heuchelei kaum zu überbieten.

Die Glaubwürdigkeit des etablierten Journalismus, ohnehin schon auf einem historischen Tiefstand, erleidet hier einen weiteren empfindlichen Schlag. Vielleicht ist es genau diese Selbstdemontage, die immer mehr Bürger zu unabhängigen Informationsquellen treibt. Denn wer sich von gefälligen, maschinengeschriebenen Belehrungen abgespeist sieht, der sucht sich irgendwann seine eigene Wahrheit. Und das ist vielleicht die einzige gute Nachricht in dieser ganzen traurigen Geschichte.

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