
Wahlkampf im Chatbot: US-Agenturen wollen ChatGPT & Co. steuern!

In den USA ist ein neues Geschäft mit politischer Meinung entstanden. Wahlkampfagenturen versuchen nach einer Reuters-Recherche vom 26. Oktober, die Antworten von KI-Assistenten wie ChatGPT, Claude und Gemini zugunsten ihrer Kandidaten zu lenken. Kurz vor den Midterms wird damit eine Frage drängend: Wer bestimmt eigentlich, was die Maschine dem Wähler sagt?
Das Drehbuch aus Texas
Im Mittelpunkt steht ein Strategiepapier für Mike Minogue, den republikanischen Herausforderer der amtierenden Gouverneurin von Massachusetts, Maura Healey. Die Präsentation stammt laut Reuters von der Agentur Visigent aus Austin, Texas. Das Ziel: Die Chatbots sollen Minogue bei zentralen Sachfragen als bevorzugte Wahl darstellen.
Der Plan sieht dem Bericht zufolge vor, hunderte KI-freundliche Themenseiten anzulegen. Dazu kämen bezahlte Platzierungen auf reichweitenstarken Webseiten, die von großen Sprachmodellen besonders oft zitiert werden. Auch YouTube und Reddit sollen bespielt werden. Reddit gilt als Plattform, auf die die Modelle überdurchschnittlich häufig zurückgreifen.
Das klassische Optimieren für Suchmaschinen kennen Kampagnen seit Jahren. Neu ist, dass sich der Kampf jetzt auf eine Ebene verlagert, die für den Bürger kaum noch durchschaubar ist. Bei einer Google-Trefferliste konnte man wenigstens selbst auswählen. Ein Chatbot liefert dagegen eine einzige, glatte Antwort, die nach Wahrheit klingt.
Ein Markt mit Erfolgsprämie
Billig ist die neue Einflussnahme nicht. Visigent-Chef Thomas Howell zufolge beginnen die Honorare für politische Kunden bei 5000 Dollar im Monat. Mit zusätzlicher Mediaplanung und Influencer-Ansprache könnten es bis zu 50.000 Dollar werden. Werde ein Kandidat in einer Themenkategorie zur KI-Empfehlung, sei außerdem eine Prämie von bis zu 200.000 Dollar vorgesehen.
Joe Bonilla von der New Yorker Agentur Relentless Awareness sagte Reuters, solche Methoden würden bis zur Präsidentschaftswahl 2028 zum Standard gehören. Man muss kein Prophet sein, um ihm zu glauben.
Die Demokraten rüsten ebenfalls auf
Mit parteipolitischer Einseitigkeit hat das nichts zu tun. Laut Reuters gibt es auch im progressiven Lager vergleichbare Angebote. Der Run for Something Action Fund fördert junge demokratische Kandidaten und bietet die Analyse-Software CampSight an. Sie werte nach eigenen Angaben täglich aus, wie Chatbots Kandidaten darstellen, und schlage konkrete Änderungen an Webseiten und Kommunikation vor.
Die Preise reichen dem Anbieter zufolge von neun bis 250 Dollar im Monat. Für landesweite Kampagnen gelten eigene Konditionen. Präsidentin Amanda Litman schrieb auf X, dutzende Kampagnen nutzten das Programm bereits, mehr als 300 weitere stünden auf der Warteliste.
Souverän im Ton, wacklig in der Sache
Experten sehen die Entwicklung mit Sorge. Meg Schwenzfeier vom Analysedienst Caucus AI warnte, Chatbots wirkten in ihren Antworten sehr selbstsicher und verarbeiteten zugleich große Mengen ungeprüfter Informationen. Gerade deshalb sei Vorsicht vor Falschinformationen geboten.
Wie groß die Reichweite ist, zeigt eine Zahl: Nach Angaben von Cameron Hickey von der Bürgerrechtsorganisation National Conference on Citizenship hat bereits rund ein Viertel der wahlberechtigten US-Bürger einen Chatbot zu politischen Kandidaten befragt.
Dass KI als Wahlhilfe problematisch sein kann, ist nicht neu. Die niederländische Datenschutzbehörde hatte vor der Parlamentswahl im Oktober 2025 eindringlich gewarnt. In ihren Tests hätten Chatbots in 56 Prozent der Fälle nur eine von zwei großen Parteien an den entgegengesetzten Rändern des Spektrums empfohlen, obwohl 15 Parteien im Parlament saßen.
Was das für Europa bedeutet
Was in Amerika passiert, kommt erfahrungsgemäß wenig später auch in Europa an. Brüssel dürfte darauf wie üblich mit neuen Paragrafen reagieren. Wirksamer wäre allerdings etwas, das kein Gesetz verordnen kann: mündige Bürger, die selbst prüfen, vergleichen und nachdenken.
Ein Chatbot ist kein neutraler Ratgeber. Er fasst zusammen, was im Netz am lautesten und am häufigsten steht. Wer dafür bezahlt, dort möglichst oft vorzukommen, kauft sich am Ende ein Stück der vermeintlich objektiven Antwort. Die Entscheidung an der Wahlurne sollte deshalb weiter jeder selbst treffen.
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