
UBS-Chef nennt die KI-Korrektur „gesund" – doch die wahre Gefahr lauert woanders

Wenn der Vorstandsvorsitzende einer der größten Vermögensverwaltungen der Welt eine Kurskorrektur an den Börsen als „gesund" bezeichnet, dann sollten Anleger genau hinhören. Nicht wegen des Lobes, sondern wegen des Halbsatzes danach. Sergio Ermotti, Chef der Schweizer UBS, hat am Mittwoch Quartalszahlen präsentiert, die sich auf dem Papier prächtig lesen – und gleichzeitig eine Warnung ausgesprochen, die im Jubel über Aktienrückkäufe und IPO-Boom fast unterging.
Die Zahlen: Rekordlaune in Zürich
Der den Aktionären zurechenbare Nettogewinn der UBS lag im zweiten Quartal bei 2,8 Milliarden US-Dollar und damit exakt im Rahmen der Analystenerwartungen. Deutlich spektakulärer fiel der Vorsteuergewinn aus: 3,6 Milliarden Dollar, ein Sprung von 64 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Dazu ein neues Aktienrückkaufprogramm über drei Milliarden Dollar, von dem allein in den kommenden drei Monaten eine Milliarde abgearbeitet werden soll. Die Aktie legte im Vormittagshandel um 2,5 Prozent zu. Man könnte sagen: Die Schweizer machen genau das, was Banken in Boomphasen immer tun – sie verteilen die Beute.
Ermotti sprach von starkem Momentum quer durch alle Geschäftsbereiche, von einer „sehr guten" Pipeline im Investmentbanking, bei Fusionen und Übernahmen sowie an den Kapitalmärkten. Besonders stolz verwies er auf einen „vibrierenden" Markt für Börsengänge – die UBS war unter anderem am aufsehenerregenden Debüt von SpaceX beteiligt. Wer erinnert sich noch daran, dass dieses Haus vor nicht allzu langer Zeit die Trümmer eines untergegangenen Konkurrenten einsammeln musste? In der Finanzwelt vergeht Gedächtnis schneller als Kapital.
Geopolitik als „temporärer Gegenwind"
Interessant wird es, wenn Ermotti über die Risiken spricht. Die anhaltende Volatilität an der geopolitischen Front könne durchaus „vorübergehenden Gegenwind" erzeugen, erklärte er im Gespräch mit dem US-Sender CNBC. Man sei aber gut positioniert, um die Chancen zu nutzen.
„Die anhaltende Volatilität, die wir von der geopolitischen Seite sehen, dürfte gewissen vorübergehenden Gegenwind erzeugen – aber das Momentum ist gut."
Vorübergehend. Das Wort verdient eine kritische Prüfung. Der Krieg in der Ukraine dauert an, der Nahe Osten ist nach den Angriffen auf iranische Nuklearanlagen ein Pulverfass, Washington überzieht die Welt mit Zöllen von zwanzig Prozent auf EU-Waren und vierunddreißig Prozent auf chinesische Importe. In Berlin verabschiedet man derweil ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro und schreibt Klimaziele ins Grundgesetz, während der Kanzler noch im Wahlkampf versprochen hatte, keine neuen Schulden zu machen. Wer das alles als „temporär" verbucht, hat ein bemerkenswert dehnbares Zeitverständnis. Es könnte auch schlicht die Sprache eines Managers sein, der seinen Kunden keine Angst machen will.
Warum eine Korrektur bei KI-Aktien niemanden überraschen darf
Zum großen Modethema der Stunde äußerte sich Ermotti bemerkenswert nüchtern. Angesichts des Tempos, mit dem Marktkapitalisierungen in den vergangenen drei bis vier Monaten explodiert und die Gewichte im Index immer stärker auf wenige Titel konzentriert worden seien, sei eine Korrektur zu erwarten gewesen. Es sei nur gesund, sie zu sehen. Seinen Kunden rate man in diesem Zusammenhang stets zu echter Diversifikation.
Man lasse sich diesen Satz auf der Zunge zergehen. Der Chef eines Hauses, das Milliarden mit Aktienplatzierungen verdient, erklärt öffentlich, dass die Konzentration auf ein einziges Narrativ gefährlich ist. Künstliche Intelligenz und die dazugehörige Infrastruktur blieben ein „großer Faktor", so Ermotti, doch der wirtschaftliche Nutzen werde sich in weit mehr Branchen entfalten als in jenen, in denen sich das Kapital derzeit sammelt. Darin liege eine „riesige Chance", Portfolios zu streuen.
Die Lektion, die zwischen den Zeilen steht
Konzentrationsrisiko ist kein neues Phänomen. Wer 1999 in Technologiewerte investierte, wer 2007 auf Immobilienverbriefungen setzte, wer 2021 glaubte, Wachstum sei ein Naturgesetz, kennt das Ergebnis. Jede Blase hat ihre eigene Erzählung, aber immer die gleiche Anatomie: erst die Euphorie, dann die Rechtfertigung, schließlich die Ernüchterung. Dass ausgerechnet ein Schweizer Bankchef in dieser Phase zur Streuung mahnt, ist weniger Fürsorge als Erfahrung.
Und genau hier stellt sich die Frage, die in Zürich naturgemäß nicht laut gestellt wird: Was heißt Diversifikation eigentlich, wenn Anleihen von Staaten stammen, die sich hemmungslos verschulden, wenn Immobilien an Zinsen und politischer Willkür hängen und wenn Aktienindizes von einer Handvoll Konzernen dominiert werden? Wer sein Vermögen wirklich außerhalb des Finanzsystems absichern will, landet zwangsläufig bei Sachwerten, die niemand ausfallen lassen, drucken oder per Gesetz entwerten kann. Physisches Gold und Silber haben in fünf Jahrtausenden mehr Währungen, Regierungen und Narrative überlebt, als jede Bilanzpressekonferenz aufzählen könnte. Sie zahlen keine Dividende – aber sie stellen auch keine Fragen und brauchen keine Rückkaufprogramme, um Vertrauen zu erzeugen.
Das Fazit dieses Quartals lautet daher nicht: Die Banken verdienen wieder gut. Es lautet: Selbst die Profiteure des Booms rechnen mit Turbulenzen. Wer das überhört, sollte sich später nicht über die Rechnung beschweren.
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