
Terror am CSD: Wenn Ideologie wichtiger ist als das Leben von Menschen

Eine tote Frau aus Polen, 29 Verletzte, mehrere davon schwer â und eine Partei, die es in ihrer ersten Stellungnahme nicht ĂŒber die Tastatur bringt, das Wort âIslamismusâ zu schreiben. Was in Berlin am Rande des Christopher Street Days geschehen ist, wĂ€re schon in seiner nackten BrutalitĂ€t schwer ertrĂ€glich. Was danach kam, ist ein politisches Sittenbild, das man sich einrahmen sollte.
Ein GefĂ€hrder, den jeder kannte â nur die Justiz wollte es nicht wissen
Der 21-jĂ€hrige Abdul Ballout raste mit einem Transporter in eine Menschenmenge. Er war deutscher StaatsbĂŒrger, seine Familie stammt aus dem Libanon. Er war den Behörden bekannt. Als GefĂ€hrder. Als Angehöriger der islamistischen Szene. Nach Angaben der Berliner Generalstaatsanwaltschaft hatte er im Jahr 2025 mehrfach versucht, sich der Terrormiliz âIslamischer Staatâ anzuschlieĂen. Im Mai wurde er zu einem Jahr und zehn Monaten Haft verurteilt â auf BewĂ€hrung. Die Staatsanwaltschaft legte Beschwerde ein. Zu spĂ€t.
Der Extremismusforscher Ahmad Mansour findet dafĂŒr Worte, die in ihrer Klarheit selten geworden sind. Deradikalisierungsarbeit sei keine Ersatzstrafe, sagte er im GesprĂ€ch mit WELT TV. Sie funktioniere am besten dann, wenn solche MĂ€nner im GefĂ€ngnis sitzen und dort intensiv begleitet wĂŒrden. Die Richter hĂ€tten eine FehleinschĂ€tzung getroffen â und diese FehleinschĂ€tzung habe Menschenleben gekostet.
âDas macht mich unfassbar wĂŒtendâ â so beschreibt Mansour jenen Justiz-Reflex, der GefĂ€hrder lieber betreuen als verwahren will.
Die Neuköllner Linke und die Kunst des Nicht-Benennens
Der Bezirksverband der Linken in Neukölln bekundete nach der Tat Anteilnahme. Ohne das Wort âIslamismusâ. Stattdessen: Man wehre sich dagegen, die Tat fĂŒr ârassistische, antimuslimische oder sonstige reaktionĂ€re Hetzeâ zu instrumentalisieren. Man lese das zweimal. Eine Frau ist tot, 29 Menschen sind verletzt â und die erste Sorge gilt der Frage, wer daraus politisches Kapital ziehen könnte.
Erst nach massiver Kritik folgte einen Tag spĂ€ter eine âKlarstellungâ, in der der IS und andere islamistisch-fundamentalistische Gruppen dann doch als frauen-, queer- und transfeindlich einsortiert wurden. Nachgereicht, nicht empfunden. Mansour bringt die Diagnose auf den Punkt: Die Berliner Linke folge einer Ideologie, und diese heiĂe IdentitĂ€tspolitik. Jede Kritik am Islamismus werde reflexartig als antimuslimischer Rassismus abgetan. Man dĂŒrfe zudem nicht vergessen, dass es in den Reihen dieser Partei auch islamistische Akteure gebe oder solche, die den Islamismus bewusst verharmlosen wollten. Als Partner im Kampf gegen den Islamismus sei die Linke jedenfalls untauglich.
Bitteres Detail: Die Opfer gehören zur Klientel, die man zu schĂŒtzen behauptet
Der Anschlag traf Menschen am Rande des CSD. Also jene Gruppe, deren Rechte die politische Linke seit Jahren mit Regenbogenfahnen an jedem AmtsgebĂ€ude zu verteidigen vorgibt. Doch wenn der TĂ€ter nicht ins gewĂŒnschte Schema passt, wenn er nicht der bequeme, immer verfĂŒgbare âRechteâ ist, dann wird geschwiegen, relativiert, umformuliert. Wer nur dann laut wird, wenn der TĂ€ter ins Weltbild passt, betreibt keinen Minderheitenschutz, sondern Buchhaltung im eigenen Interesse.
Und dann noch: Der Polizei das Geld streichen
Zur selben Zeit plĂ€diert die Berliner Linke dafĂŒr, Mittel der Polizei zu kĂŒrzen. Mansours Kommentar dazu ist von entwaffnender Schlichtheit: Es sei einfach Wahnsinn, ĂŒberall fehlten Ressourcen. Und er stellt die Frage, die sich jeder junge Mensch in diesem Land stellen muss: Wer will eigentlich noch Polizist werden in einem Staat, in dem Beamte nahezu tĂ€glich angegangen und verteufelt wĂŒrden?
Nach EinschĂ€tzung der ihn betreuenden PrĂ€ventionsberatung hatte Ballout einen jahrelangen Radikalisierungsprozess hinter sich â keine plötzliche Wandlung, sondern eine lange Entwicklung. Der zustĂ€ndige Fachmann des Violence Prevention Network stellte gegenĂŒber der âBerliner Morgenpostâ die naheliegende Frage: Warum wurde dieser Mann einem Deradikalisierungsprogramm erst so spĂ€t zugefĂŒhrt? Eine Frage, die man in diesem Land inzwischen nach fast jedem Anschlag stellt â und die nie beantwortet wird.
Der Rechtsstaat ist kein Sozialprojekt
Mansour fordert einen konsequenten Rechtsstaat. Abschieben lieĂ sich Ballout nicht, er besaĂ den deutschen Pass. Umso wichtiger, so der Fachmann, seien Konsequenz und Beobachtung. Es gebe viele Islamisten mit deutscher StaatsbĂŒrgerschaft; wer sich vor zehn Jahren dem IS angeschlossen habe, sei fast durchweg Deutscher gewesen. Wenn solche Menschen auf freiem FuĂ seien, mĂŒssten Richter anders entscheiden. Und man mĂŒsse alles tun, um zu verhindern, dass ein solcher Mann ein Auto mietet und in eine Menschenmenge fĂ€hrt.
Genau hier liegt das eigentliche Versagen. Nicht in fehlenden Programmen, nicht in fehlenden Beratungsstellen, nicht in fehlenden Runden Tischen. Sondern in einem politischen Klima, in dem HĂ€rte gegen bekannte GefĂ€hrder als moralisches Risiko gilt, wĂ€hrend Nachsicht als Tugend verkauft wird. Deutschland verzeichnet KriminalitĂ€t auf Rekordniveau, Messerangriffe sind Teil des Alltags geworden, und die Reaktion der politischen Klasse besteht meist aus Betroffenheitsformeln und der AnkĂŒndigung, die Sicherheitsbehörden âbesser vernetzenâ zu wollen.
Unsere Redaktion sagt es deutlich: Dieses Land braucht Politiker, die fĂŒr Deutschland und fĂŒr die Sicherheit seiner BĂŒrger regieren â nicht gegen sie. Und wir sind mit dieser Auffassung nicht allein. Ein GroĂteil der Bevölkerung hat lĂ€ngst begriffen, dass zwischen ideologischer SchönfĂ€rberei und toten Menschen auf Berliner StraĂen ein Zusammenhang bestehen könnte, den man nur deshalb nicht benennt, weil er unbequem ist.
Was bleibt
Eine Frau aus Polen ist tot. 29 Menschen sind verletzt, manche fĂŒr immer. Der TĂ€ter starb, nachdem er Polizisten mit einer Stichwaffe angegriffen hatte. Und ein Bezirksverband einer Bundestagspartei sorgte sich zuerst darum, dass aus dieser Tat keine falschen SchlĂŒsse gezogen werden. Wer noch fragt, warum das Vertrauen in Staat und Parteien erodiert, findet in dieser Woche eine sehr prĂ€zise Antwort.
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