
Sturm-Stille im Atlantik: Kein Hurrikan, so spät zuletzt 1914!

Der Atlantik schweigt, und das in historischem Ausmaß. Bis zum 21. September 2026 hat sich dort kein einziger Hurrikan gebildet. Seit Beginn der modernen Satellitenbeobachtung im Jahr 1966 hat es das nicht gegeben. Wer weiter zurückblickt, muss laut dem US-Wetterdienst AccuWeather bis ins Jahr 1914 gehen, um eine vergleichbar ruhige Saison zu finden.
Sechs Stürme, keiner erreicht Hurrikanstärke
Ganz leer war das Meer nicht. Sechs Tropenstürme bekamen einen Namen: Arthur, Bertha, Cristobal, Dolly, Edouard und Fay. Keiner von ihnen erreichte jedoch die Schwelle von 119 Kilometern pro Stunde, ab der ein Sturm als Hurrikan gilt.
Den bisherigen Rekord der Satelliten-Ära hielten die Jahre 2002 und 2013 mit dem 11. September. Am 12. September 2026 war er gebrochen. Laut AccuWeather fiel inzwischen auch die Bestmarke aus der Zeit vor den Satelliten: 1941 hatte sich der erste Hurrikan am 21. September gebildet.
Aussagekräftig ist auch die sogenannte Accumulated Cyclone Energy (ACE), mit der Meteorologen die Gesamtaktivität einer Saison messen. Mitte September lag sie Berichten zufolge bei nur rund 7 Prozent des Normalwerts. Das ist der tiefste Stand der modernen Aufzeichnungen. In einem durchschnittlichen Jahr hätte es bis zu diesem Zeitpunkt laut BBC acht benannte Stürme und drei Hurrikane gegeben.
El Niño bremst die Stürme
Als Hauptursache nennen Meteorologen einen starken und weiter wachsenden El Niño. Gemeint ist eine natürliche Erwärmung des tropischen Pazifiks, die etwa alle zwei bis sieben Jahre auftritt. Über dem Atlantik sorgt sie für kräftige Höhenwinde und trockene Luft. Unter diesen Bedingungen können sich Gewitter kaum zu einem geschlossenen Wirbel ordnen.
Im Pazifik läuft es umgekehrt. Dort treibt El Niño die Sturmaktivität an. Nach Angaben der BBC gab es im Ostpazifik bis Mitte September bereits 13 benannte Stürme, darunter fünf Hurrikane. Hurrikan Lowell traf Hawaii. Nach AccuWeather-Angaben hat Hurrikan Polo inzwischen Kategorie 5 erreicht und bedroht die mexikanische Pazifikküste.
Ist das Klima nun plötzlich harmlos? Natürlich nicht. Der Fall zeigt aber, wie stark natürliche Zyklen das Wetter bestimmen. In der öffentlichen Debatte gehen sie oft unter, sobald ein Hurrikan für schnelle Schlagzeilen sorgt. Über einen rekordverdächtig stillen Atlantik wird dagegen auffallend wenig berichtet.
Droht noch ein dritter Rekord?
Nach Angaben des AccuWeather-Hurrikanexperten Alex DaSilva hat es in der gesamten Satelliten-Ära kein Jahr ohne Hurrikan gegeben. Nur 1907 und 1914 blieben komplett hurrikanfrei. Beide Jahre liegen vor der lückenlosen Beobachtung aus dem All, als Stürme weit draußen auf dem Meer leicht übersehen werden konnten. Bleibt 2026 bis zum 30. November ruhig, wäre es erst die dritte solche Saison überhaupt.
Entwarnung geben die Fachleute trotzdem nicht. In der westlichen Karibik, im Golf von Mexiko und nahe der US-Küste könnten sich auch spät noch Stürme bilden. Wie zerstörerisch ein einzelner Sturm sein kann, zeigte Melissa: Der Hurrikan der Kategorie 5 verwüstete am 28. Oktober 2025 Jamaika.
Und was hat das mit Europas Dürresommer zu tun?
Direkt nichts. Die fehlenden Hurrikane haben Europa nicht ausgetrocknet. Beide Entwicklungen haben aber eine gemeinsame Ursache im Hintergrund, den El Niño. Weite Teile West-, Mittel- und Osteuropas erlebten 2026 einen heißen und trockenen Sommer mit niedrigen Flusspegeln, Ernteausfällen und Waldbränden, etwa in Frankreich und Spanien.
Als wichtigste Gründe gelten stabile Hochdrucklagen, heiße Südwinde aus Afrika und fehlender Regen. El Niño verstärkt solche Muster zwar über Fernwirkungen in der Atmosphäre, in Europa ist dieser Effekt aber schwächer als in den Tropen. Für Herbst und Winter könnte ein starker El Niño Nordwesteuropa sogar eher nasses und stürmisches Wetter bringen.
Aus Sicht unserer Redaktion lehrt diese Saison vor allem eines: Die Natur hält sich nicht an Vorhersagen und nicht an politische Erzählungen. Wer mit ihr umgeht, braucht Vorsorge und Gelassenheit, keine Panikmache.
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