
Spiegel rudert zurück: Influencerin Lena Jensen unter Verdacht der Falschdarstellung
Es ist eine Geschichte, die das Zeug hat, das ohnehin schon ramponierte Vertrauen in die Medienlandschaft weiter zu erschüttern. Der Spiegel – einst stolzes Flaggschiff des deutschen Journalismus – hat einen Videobeitrag über die Influencerin Lena Jensen von seiner Internetseite genommen. Der Grund: Massive Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer öffentlich verbreiteten Missbrauchsgeschichte. Was zunächst wie ein erschütterndes Schicksal klang, entpuppt sich möglicherweise als ein Lehrstück darüber, wie unkritisch Medien und Politik hierzulande mit vermeintlichen Opfernarrativen umgehen.
Vom Instagram-Account in den Bundestag
Lena Jensen, 33 Jahre alt, hat sich in den sozialen Medien eine beachtliche Gefolgschaft aufgebaut. Rund 490.000 Follower auf Instagram, weitere 295.000 auf TikTok – Zahlen, die manch etabliertes Nachrichtenmedium vor Neid erblassen lassen dürften. Ihr Rezept? Sie erzählt, teils in drastischen Details, von sexuellem Missbrauch, den sie als Kleinkind erlitten haben will. Kaum ein Video komme ohne den Verweis auf ihre Leidensgeschichte aus, heißt es.
Und die politische Klasse? Die fiel bereitwillig auf die Knie. Eine SPD-Abgeordnete dankte Jensen im Bundestag überschwänglich dafür, dass sie „ihre Geschichte öffentlich gemacht" habe. Kurz darauf saß die Influencerin bereits als Gast in einer Arbeitsgruppe der SPD-Fraktion. Man fragt sich unwillkürlich: Seit wann reicht ein Instagram-Account mit einer rührseligen Geschichte, um im Deutschen Bundestag Gehör zu finden? Offenbar seit die politische Urteilskraft in diesem Land ebenso erodiert wie die Infrastruktur.
Zwei Journalisten graben tiefer – und stoßen auf Widersprüche
Was Politiker und Mainstream-Medien versäumten, haben zwei freie Journalisten nachgeholt: Sie haben recherchiert. Lars Winkelsdorf und Verena Maria Dittrich trugen Hinweise zusammen, die Teile von Jensens Schilderungen als „aufgebauscht bis unglaubwürdig" erscheinen lassen. Ein besonders pikantes Kapitel betrifft die angebliche Flucht in eine neue Identität.
Jensen behauptete in ihren Videos, der Weiße Ring habe ihrer Familie geholfen, einen neuen Namen zu bekommen und sie in ein „Opferschutzprogramm" aufgenommen. Klingt dramatisch. Klingt nach Hollywood. Und genau das ist offenbar das Problem.
Der Weiße Ring widerspricht deutlich
Denn der Weiße Ring selbst stellte unmissverständlich klar: Ein Opferschutzprogramm mit neuer Identitätsvergabe gehöre schlicht nicht zu den Leistungen des Vereins. Man biete menschlichen Beistand, Begleitung zu Behördenterminen, Rechtsschutz und finanzielle Hilfe in Notlagen – aber gewiss kein Zeugenschutzprogramm. Erfahrene Kriminalbeamte, denen die Rechercheure die Videos zeigten, kamen zu einem vernichtenden Urteil: Jensens Darstellungen ließen sich „insgesamt nicht mit Zeugenschutzprogrammen in Übereinstimmung bringen" und erinnerten vielmehr an amerikanische Fernsehfilme.
Besonders absurd mutet ein weiteres Detail an. Die alte und die neue Wohnanschrift der Familie lagen demnach gerade einmal 1,88 Kilometer Luftlinie voneinander entfernt – im selben 9.000-Seelen-Ort Reinfeld in Schleswig-Holstein. Ein Zeugenschutzprogramm, bei dem man weiterhin denselben Supermarkt besucht? Das wäre in der Tat eine Premiere in der Geschichte der deutschen Strafverfolgung.
Eingestelltes Ermittlungsverfahren wirft weitere Fragen auf
Doch damit nicht genug. Die Journalisten gelangten auch an den Einstellungsbescheid der Staatsanwaltschaft Lübeck aus dem Jahr 2002. Das durch eine Strafanzeige von Jensens Mutter ausgelöste Ermittlungsverfahren war nach knapp drei Jahren „mangels hinreichendem Tatverdacht" eingestellt worden. Zwar konnte ein Missbrauch nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, und ein medizinisches Gutachten bescheinigte verdächtige Verletzungen. Doch die Staatsanwaltschaft kam zu dem Ergebnis, dass keines der Untersuchungsergebnisse den „zwingenden Schluss auf eine vorangegangene sexuelle Misshandlung" zulasse.
Besonders brisant: Im gesamten Ermittlungsvorgang fanden sich laut Einstellungsbescheid „an vielen Stellen nachhaltige Hinweise darauf, dass suggestive Einflüsse nicht nur im Hinblick auf die Kinder stattgefunden haben dürften". Ein Satz, der aufhorchen lässt und der die gesamte Erzählung in ein anderes Licht rückt. Die Akten selbst sind mittlerweile vernichtet – aufgrund abgelaufener Aufbewahrungsfristen, wie die Staatsanwaltschaft Lübeck mitteilte.
Der Spiegel in Erklärungsnot
Dass ausgerechnet der Spiegel nun einen Beitrag zurückziehen muss, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Das Magazin, das sich seit jeher als Hüter der journalistischen Sorgfaltspflicht inszeniert, hat offenbar die elementarste Regel des Handwerks missachtet: Prüfe deine Quellen. Auf der Internetseite findet sich nun der dürre Hinweis, man „prüfe derzeit Hinweise darauf, dass Lena Jensen ihre persönliche Geschichte öffentlich nicht korrekt dargestellt haben könnte". Das Video wurde „vorläufig" entfernt. Vorläufig – als hoffe man insgeheim, die Sache möge sich irgendwie in Wohlgefallen auflösen.
Dieser Fall offenbart ein strukturelles Problem, das weit über eine einzelne Influencerin hinausreicht. In einer Gesellschaft, in der das Opfernarrativ zur härtesten Währung im Aufmerksamkeitsmarkt geworden ist, scheinen weder Medien noch Politik gewillt oder in der Lage, kritische Distanz zu wahren. Wer eine hinreichend erschütternde Geschichte erzählt, dem werden Türen geöffnet – bis in den Bundestag. Nachfragen? Fehlanzeige. Faktencheck? Überflüssig, wenn die Emotionen stimmen.
Echte Opfer sind die Leidtragenden
Am schwersten wiegt dabei der Schaden für tatsächliche Missbrauchsopfer. Jede aufgedeckte Falschdarstellung, jede übertriebene oder gar erfundene Geschichte macht es echten Betroffenen schwerer, gehört und geglaubt zu werden. Menschen, die tatsächlich Unsägliches durchlitten haben, werden durch solche Fälle ein weiteres Mal zum Opfer – diesmal der öffentlichen Skepsis, die unweigerlich wächst, wenn Vertrauen missbraucht wird.
Jensen selbst hat auf Anfragen zu den Widersprüchen bislang nicht reagiert. Das Schweigen spricht Bände. Sollten sich die Zweifel erhärten, wäre dies nicht nur ein persönliches Versagen einer Influencerin mit Schauspielausbildung, sondern ein Armutszeugnis für ein System, das Emotionen über Fakten stellt und in dem kritischer Journalismus offenbar nur noch von freien Journalisten betrieben wird, während die großen Medienhäuser lieber dem Zeitgeist hinterherlaufen.
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