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20.02.2026
04:03 Uhr

Slowakei im Öl-Notstand: Wenn die Abhängigkeit von Russland zum Bumerang wird

Slowakei im Öl-Notstand: Wenn die Abhängigkeit von Russland zum Bumerang wird

Es ist ein Novum in der Geschichte des kleinen mitteleuropäischen Landes – und zugleich ein Lehrstück über die fatalen Konsequenzen energiepolitischer Naivität: Die Slowakei hat erstmals einen nationalen Öl-Notstand ausgerufen. Der Grund? Seit Ende Januar fließt kein russisches Rohöl mehr durch die legendäre Druschba-Pipeline, jene sowjetische Hinterlassenschaft, die einst als Symbol der „Freundschaft" zwischen Ost und West galt und heute vor allem eines symbolisiert – eine gefährliche Abhängigkeit.

86 Prozent aus Moskau: Eine Abhängigkeit mit Ansage

Die Zahlen sprechen eine unmissverständliche Sprache. Von den insgesamt 4,83 Millionen Tonnen Rohöl, die die Slowakei im Jahr 2024 importierte, stammten sage und schreibe 4,18 Millionen Tonnen aus Russland – das entspricht rund 86 Prozent der Gesamtmenge. Im August 2025 war die Slowakei mit einem Importvolumen von 276 Millionen Euro sogar der zweitgrößte Abnehmer russischer fossiler Brennstoffe innerhalb der EU. Wer sich derart einseitig in die Arme eines einzigen Lieferanten wirft, der darf sich nicht wundern, wenn ihm eines Tages der Hahn zugedreht wird – ob nun durch Krieg, Politik oder beides.

Schuldzuweisungen statt Lösungen: Das politische Schwarze-Peter-Spiel

Wie so oft in der europäischen Politik wird auch in diesem Fall zunächst einmal mit dem Finger auf andere gezeigt. Der slowakische Premierminister Robert Fico und das ungarische Außenministerium beschuldigen die Ukraine, die Wiederaufnahme der Öllieferungen bewusst zu verzögern. Kiew wolle damit energiepolitischen Druck aufbauen, so der Vorwurf, um die beiden Länder dazu zu bewegen, ihr Veto gegen einen EU-Beitritt der Ukraine zurückzuziehen. Ein schwerwiegender Vorwurf – für den allerdings weder Bratislava noch Budapest auch nur den Hauch eines Beweises vorlegen konnten. Fico selbst räumte ein, die Lage sei „unübersichtlich und nicht abschließend zu klären".

Die ukrainische Seite konterte scharf und mit Fakten. Außenminister Andrij Sybiha veröffentlichte auf der Plattform X ein Foto der bombardierten Pipeline-Stelle und machte einen russischen Angriff auf die Infrastruktur für den Ausfall verantwortlich. Mehr noch: Er beschuldigte Ungarn, über den russischen Angriff Bescheid zu wissen, diesen aber zu verschweigen, um Moskau zu schützen. Die Regierung von Viktor Orbán – ohnehin nicht gerade für ihre Distanz zum Kreml bekannt – schwieg dazu vielsagend.

Notreserven als letzter Rettungsanker

Um die Versorgungssicherheit im Land aufrechtzuerhalten, griff die slowakische Regierung zu einem drastischen Mittel: Bis zu 250.000 Tonnen Rohöl aus den staatlichen Notreserven werden der Raffinerie Slovnaft in Form einer Leihe zur Verfügung gestellt. Slovnaft ist die wichtigste Raffinerie des Landes – ohne sie kann der Binnenmarkt nicht zuverlässig mit Kraftstoffen versorgt werden. Die EU schreibt ihren Mitgliedstaaten vor, strategische Ölreserven vorzuhalten, die mindestens 90 Tage Nettoimporte oder 61 Tage Inlandsverbrauch abdecken. Genau auf dieses Sicherheitsnetz stützt sich Bratislava nun. Doch wie lange reicht es?

Ausweichrouten: Zwischen technischen Hürden und politischen Minenfeldern

Kurzfristig werden zwei alternative Versorgungswege diskutiert, die beide ihre Tücken haben. Die erste Option wäre ein sogenannter „Reverse Flow" über die Druschba-Leitung – also eine Umkehr der Flussrichtung, bei der Öl aus dem Westen in Richtung Slowakei gepumpt würde. Tschechien hat diese Möglichkeit grundsätzlich in Aussicht gestellt und angekündigt, kleinere Mengen liefern zu können. Für größere Volumina wären jedoch technische Anpassungen erforderlich, die nach Einschätzung des tschechischen Wirtschaftsministers bis zu einem Jahr dauern könnten. Ein Jahr – eine Ewigkeit für ein Land im Notstand.

Die zweite Route führt über die kroatische Adriaküste: Rohöl käme per Tanker am Hafen Omišalj an und würde dann über eine Pipeline ins Binnenland weitergeleitet. Ungarn und die Slowakei haben Kroatien bereits um Unterstützung gebeten. Doch hier lauert das nächste Problem: Wegen der EU- und US-Sanktionen gegen russische Energieunternehmen würde der Transport russischen Öls über diese Route sofort heikle rechtliche Fragen aufwerfen. Zagreb signalisierte zwar Hilfsbereitschaft, betonte aber unmissverständlich, dass dies nur im Rahmen geltender Sanktionsregeln erfolgen könne. Das ungarische Außenministerium argumentierte dagegen, bestehende Ausnahmeregelungen würden es erlauben, im Falle einer Pipeline-Störung auch russisches Öl auf dem Seeweg zu beziehen.

Rubios Besuch ohne greifbare Ergebnisse

Dass US-Außenminister Marco Rubio kürzlich sowohl die Slowakei als auch Ungarn besuchte, dürfte kein Zufall gewesen sein. Die Energieversorgung der Region stand mit Sicherheit auf der Agenda. Konkrete Ergebnisse des Besuchs sind allerdings nicht bekannt – was in der Diplomatie selten ein gutes Zeichen ist.

Ein Weckruf für ganz Europa

Der Fall der Slowakei ist mehr als nur ein regionales Problem. Er ist ein Menetekel für alle europäischen Staaten, die ihre Energieversorgung nicht konsequent diversifiziert haben. Während Tschechien und Bulgarien in den vergangenen Jahren ihre Importe aus Russland sukzessive reduzierten und auf alternative Quellen umstiegen, haben die Slowakei und Ungarn an der russischen Nabelschnur festgehalten – und zahlen nun den Preis dafür.

Man muss kein Energieexperte sein, um zu erkennen, dass eine 86-prozentige Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten – zumal einem, der einen Angriffskrieg in Europa führt – keine kluge Strategie ist. Doch statt vorausschauend zu handeln, wurde in Bratislava und Budapest jahrelang auf die Ausnahmeregelungen der EU vertraut und die billige russische Energie als politisches Beruhigungsmittel eingesetzt. Nun, da die Pipeline stillsteht, zeigt sich die ganze Fragilität dieses Modells.

Für Deutschland sollte dieser Vorfall eine Mahnung sein. Auch hierzulande hat man schmerzlich erfahren müssen, was es bedeutet, sich energiepolitisch in die Abhängigkeit eines unzuverlässigen Partners zu begeben – Stichwort Nord Stream. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz täte gut daran, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und die Energieversorgung auf ein breites, krisenfestes Fundament zu stellen. Denn eines lehrt die Geschichte immer wieder: Wer seine Souveränität an der Tankstelle abgibt, verliert sie am Ende auch am Verhandlungstisch.

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