
Silber im Sturzflug: Großbanken kappen Prognosen – Chance für Mutige?

Der Silberpreis ist abgestürzt. Am 22. Oktober 2026 fiel die Unze zeitweise auf rund 56 US-Dollar. Das ist weniger als die Hälfte des Rekordhochs von gut 121 Dollar, das Ende Januar erreicht wurde. Gleichzeitig senken die Wall-Street-Banken ihre Prognosen. Sind die Analysten jetzt klüger oder einfach nur zu spät dran?
J.P. Morgan rudert kräftig zurück
Am deutlichsten korrigiert J.P. Morgan. Die US-Großbank hatte im Frühjahr noch einen Jahresdurchschnitt von über 80 Dollar je Unze erwartet. Nach der neuesten Revision rechnet sie nur noch mit rund 70 Dollar für 2026 und mit 63 Dollar im vierten Quartal. Für 2027 kalkulieren die Analysten im Schnitt ebenfalls mit etwa 63 Dollar.
Als Begründung nennt die Bank Berichten zufolge, dass sich der zuvor extrem knappe physische Markt entspannt habe. Die Nachfrage aus der Solarindustrie sei schwächer geworden. Außerdem habe China im März auf Vorrat importiert, bevor eine Steuerregel geändert wurde. Laut der Bank folgt Silber dem Gold derzeit vor allem nach unten: Gibt Gold nach, fällt Silber umso stärker.
Die Konkurrenz sieht es anders
Andere Häuser bleiben gelassener. Goldman Sachs soll für 2026 eine Spanne von 85 bis 100 Dollar je Unze erwarten. In der Prognose-Umfrage des Londoner Edelmetallverbands LBMA unter 31 Analysten liegt der Median für dieses Jahr bei etwa 80 Dollar. Zwischen den Prognosen liegen damit bis zu 30 Dollar. Genau beziffern kann den Silberpreis offenbar niemand.
Zinsen, Öl, Nahost: Der gefährliche Cocktail
Warum fällt Silber gerade so stark? Ein Grund ist die Geldpolitik. Die US-Notenbank Fed unter ihrem Chef Kevin Warsh denkt nicht über Zinssenkungen nach. Die Märkte rechnen sogar mit einer möglichen Zinserhöhung im Dezember. Auslöser ist die Inflation, die über die hohen Energiepreise anzieht. Steigende Realzinsen machen Metalle ohne Zinsertrag weniger attraktiv. Das ist bekannt und kommt nicht überraschend.
Dazu kommt der Nahe Osten. Medienberichten zufolge trieb ein Drohnenangriff auf ein saudisches Ölfeld den Ölpreis zuletzt wieder nach oben. Das verstärkt die Inflationssorgen zusätzlich. Ein schwacher Trost: Auf Jahressicht liegt Silber immer noch rund 14 Prozent im Plus.
Defizit seit sechs Jahren: Das Fundament bleibt
Bei aller Kurspanik verändert sich ein Grundproblem nicht: Weltweit wird mehr Silber verbraucht als gefördert. Laut Prognosen des Silver Institute steuert der Markt 2026 auf das sechste Defizitjahr in Folge zu. Die Lücke soll rund 46 Millionen Unzen betragen. Seit 2021 summiert sich der Fehlbetrag damit auf über 760 Millionen Unzen.
Silber wird in Elektronik, Batterien, Photovoltaik und Elektroautos gebraucht und ist dort kaum zu ersetzen. Für 2027 erwarten Marktbeobachter deshalb, dass der Preis einen Boden findet und sich in einer Spanne von 60 bis 90 Dollar erholt. Recycling und Ersatzstoffe dürften einen zu steilen Anstieg bremsen.
175 Dollar im Jahr 2040?
In der Branche kursieren auch Langfrist-Rechnungen. Sie gehen von den 63 Dollar aus, die J.P. Morgan für 2027 erwartet, und schreiben eine historische Durchschnittsrendite von etwa acht Prozent pro Jahr fort. Daraus ergeben sich rund 80 Dollar für 2030 und etwa 175 Dollar für 2040. Das ist allerdings eine einfache Hochrechnung und keine Prognose der Banken. Sie zeigt aber, worum es beim Silber eigentlich geht: um eine knappe Ressource, die langfristig Wert behält.
Fazit: Nerven behalten statt Panik
Kurzfristig bestimmen Zinsen, der Ölpreis und Spekulanten das Geschehen. Langfristig zählen das Defizit und die Nachfrage aus der Industrie. Wer nicht auf schnelle Gewinne aus ist, sondern sein Vermögen gegen Inflation, hohe Staatsschulden und geopolitische Krisen absichern will, kann die aktuelle Schwäche nüchtern betrachten. Physisches Silber kann zusammen mit Gold ein sinnvoller Baustein in einem breit gestreuten Portfolio sein. Es muss nicht jeden Monat steigen. Es soll das Vermögen über Jahre stabilisieren.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar. Prognosen sind keine Garantie für künftige Entwicklungen, und Investitionen in Edelmetalle sind mit Risiken verbunden. Jeder Anleger sollte selbst recherchieren und ist für seine Anlageentscheidungen allein verantwortlich.

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