
Schul-Aufstand in Frankreich: Schüler lassen die Barrikaden stehen!

Paris rückt Milliarden heraus, doch die Schüler bleiben hart. Am Montag hat die französische Regierung von Premierminister Sébastien Lecornu ein Bildungspaket vorgestellt, mit dem sie die seit über fünf Wochen anhaltenden Schulblockaden beenden will. Die Schülergewerkschaft Les Lycéens ruft trotzdem dazu auf, die Gymnasien weiter zu verbarrikadieren und auf die Straße zu gehen.
„Maßnahmen statt halber Maßnahmen"
Seit September halten Schüler im ganzen Land ihre Lycées besetzt. Daraus ist die größte Jugendprotestbewegung seit Jahren geworden. Inzwischen marschieren samstags auch Gewerkschaften und Menschen mit, die gegen die hohen Lebenshaltungskosten protestieren.
Pierre Sourzat von Les Lycéens sagte dem Sender France Info, man sitze nun zwar mit der Regierung am Verhandlungstisch, befinde sich aber weiterhin in einem Kräftemessen. Um möglichst viele Forderungen durchzusetzen, müsse die Mobilisierung weitergehen. Sein Satz dazu ist kurz: „Wir wollen Maßnahmen, keine halben Maßnahmen."
Sein Mitstreiter Louis Letoublon war beim Treffen mit Lecornu dabei. Er wertete das Ergebnis als Beweis dafür, dass die Regierung Angst habe und handeln müsse. Er kündigte an, man werde so lange weitermachen, wie es nötig sei.
Bröckelnde Decken, Schimmel, kaputte Toiletten
Die Liste der Missstände ist lang. Die Schüler berichten von einbrechenden Decken, Schimmel, defekten Toiletten, fehlenden Stühlen und Fenstern, die nicht mehr schließen. Dazu kommen Lehrermangel und zu wenig Personal. Bildungsminister Édouard Geffray räumte selbst ein, manche Schulen seien für den Unterricht „nicht geeignet".
Das Angebot der Regierung umfasst folgende Punkte:
- 4 Milliarden Euro als staatlicher Kredit an die Regionen für Sanierungen
- Höchstens 28 Schüler pro Klasse im ersten Lycée-Jahr, zunächst an der Hälfte der Schulen in den ärmsten Gegenden, ab nächstem Jahr an allen
- Neue Lehrerstellen und eine Überprüfung des Abiturs (Baccalauréat)
- Umbau der umstrittenen Studienplatz-Plattform Parcoursup im Jahr 2027 und ihre Ablösung durch ein neues System 2028
- 15.000 zusätzliche Studienplätze, vor allem in berufsnahen Fächern
Auffällig dabei: Die vier Milliarden sind ein Kredit und kein Zuschuss. Bezahlen müssen am Ende wieder die Regionen und damit die Steuerzahler. Und das in einem Staat, dessen Schuldenberg laut offiziellen Statistiken schon jetzt deutlich über 110 Prozent der Wirtschaftsleistung liegt.
Verletzte Kinder, Ausgangssperren, Gewalt von rechts
Der Protest hat auch eine dunkle Seite. Medienberichten zufolge wurden mehrere Kinder verstümmelt oder schwer verletzt, angeblich durch Sprengmunition der Polizei. Hunderte Minderjährige sollen festgenommen und in Polizeigewahrsam gekommen sein.
Am 17. Oktober erlebte Frankreich den gewalttätigsten Tag seit Jahren, mit Plünderungen, Bränden und Angriffen auf staatliche Gebäude. Die Behörden haben inzwischen Pannen bei Sicherheit und Geheimdiensten eingeräumt. Seitdem gelten in einigen Städten Ausgangssperren und Demonstrationsverbote.
Innenminister Laurent Nuñez sprach außerdem von einem neuen Phänomen. In Nizza und Montpellier seien am Wochenende ultrarechte Gruppen in „organisierten Formationen" aufgetaucht und auf Demonstranten losgegangen. Gegen elf Verdächtige soll Anklage erhoben werden.
Macrons letzter Winter
Emmanuel Macron sagte bei einem Besuch in Marseille vor Polizisten, es sei „nicht normal", dass sich das Land sechs Monate vor einer Präsidentschaftswahl in einem solchen Aufruhr befinde. Auch den nächsten Protesttag am 31. Oktober nannte er einen „Tag des Risikos".
„Wir werden die Linie halten. Wenn wir alle unsere Arbeit gut machen, wird diese Bewegung abklingen – weil wir berechtigte Erwartungen erfüllen und weil die Ordnung aufrechterhalten wird. Aber nichts ist ausgemacht."
Macron tritt im kommenden Frühjahr ab, in den Umfragen führt Marine Le Pen. Als Bilanz seiner Amtszeit bleiben marode Schulen, wütende Jugendliche und ein Staat, der Reformen offenbar erst unter dem Druck der Straße angeht.
Für deutsche Leser ist das keine ferne Geschichte. Auch hierzulande schieben die Kommunen seit Jahren einen Sanierungsstau an den Schulen in Milliardenhöhe vor sich her. Frankreich zeigt, was passieren kann, wenn die Politik die Grundlagen des eigenen Landes zu lange vernachlässigt.
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