
Rüstungsboom mit Handbremse: Europas Fabriken wären längst bereit!

Europas Rüstungsindustrie baut ihre Fertigung so stark um wie seit Jahrzehnten nicht. Der Radarspezialist Hensoldt will seine Produktion vervielfachen, der österreichische Motorenbauer Steyr Motors bereitet höhere Stückzahlen vor. Industrievertreter sehen den größten Engpass allerdings nicht in den Werkshallen. Sie sehen ihn bei Politik, Behörden und Beschaffungsämtern.
Vom Einzelstück zur Fertigungsstraße
Lange war Rüstung reine Manufaktur. Hensoldt-Sprecher Lothar Belz erinnert sich, man habe früher vielleicht fünf Radare im Jahr gebaut, verteilt auf drei bis fünf Kunden. In den Jahren der sogenannten Friedensdividende lohnte sich eine automatisierte Fertigung einfach nicht. Die Beschaffung blieb national zersplittert, die Bestellungen klein.
Das hat sich geändert. Heute baut Hensoldt laut Belz rund 15 große Luftverteidigungsradare pro Jahr, das Ziel liegt bei 30. Am neuen Standort „Ulm II“ will der Konzern einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag investieren. Dort sollen ab 2027 bis zu 1.000 Radarsysteme jährlich für Luftverteidigung und Drohnenabwehr entstehen. Belz betont allerdings, das sei kein Vergleich mit der Serienfertigung bei BMW.
Warum das so ist? Ein einzelnes Radar enthält bis zu 1.000 Sende- und Empfangsmodule, große Anlagen sogar bis zu 10.000. Nur bei diesen Bauteilen lohnt sich Automatisierung. Die Endmontage bleibt Handarbeit.
Steyr Motors: Kapazität da, Aufträge hängen fest
Noch deutlicher wird das Problem bei Steyr Motors. Der Hersteller von Hochleistungsdieseln für Marine und Militär baut nach eigenen Angaben 2.000 bis 2.500 Motoren im Jahr, und das mit nur einer Schicht an vier Tagen pro Woche. Vertriebschef Thomas Biesl zufolge ließe sich die Produktion mit wenig Geld auf mehrere Schichten ausweiten.
Trotzdem kommt das Geschäft nicht voran. Im ersten Halbjahr 2026 lag der Umsatz mit 22,8 Millionen Euro ungefähr auf Vorjahresniveau. Weil sich internationale Verteidigungsprojekte verzögerten, fehlten rund zehn Millionen Euro an geplanten Erlösen. Im August musste das Unternehmen seine Jahresprognose deutlich senken.
Inzwischen ist auch ein Käufer aufgetaucht. Am 19. Oktober kündigte eine Tochter des US-Rüstungstechnikkonzerns Red Cat Holdings ein Übernahmeangebot über 39 Euro je Aktie an. Medienberichten zufolge bewertet das Angebot Steyr Motors mit rund 205 Millionen Euro, die Aktie sprang daraufhin deutlich. Abgeschlossen werden soll der Kauf im ersten Halbjahr 2027, sofern die Behörden zustimmen. Dass ein strategisch wichtiger europäischer Zulieferer an einen US-Konzern gehen könnte, ist eine bittere Pointe für alle, die von europäischer Souveränität reden.
„Wo wir in Wochen rechnen, spricht man in Jahren“
Am deutlichsten wird Herbert Decker, Geschäftsführer der österreichischen Maschinenfabrik Liezen. Seine Botschaft: „Wir könnten längst schon mehr fertigen.“ Die Zulieferer hätten ihre Effizienz längst in harten zivilen Märkten wie dem Bahnbau bewiesen. Ausgebremst würden sie von außen.
„Dort, wo wir in Wochen rechnen, spricht man in Monaten – und wo wir in Monaten reden, in Jahren.“
Laut Decker entscheiden Gesetze, Haushaltsbeschlüsse, Exportgenehmigungen und Beschaffungsverfahren darüber, wann ein Auftrag tatsächlich in der Industrie ankommt. Hinzu komme der Fachkräftemangel, etwa bei Schweißern für sicherheitskritische Bauteile.
Planungssicherheit als knappstes Gut
Germar Schröder von Deloitte Deutschland sieht es ähnlich. Investitionen in Serienfertigung rechneten sich nur, wenn die Abnahme langfristig gesichert sei. Gerade der Mittelstand müsse aber in Vorleistung gehen, ohne Zusagen zu haben. Sebastian Schlund von Fraunhofer Austria zufolge können erfahrene Ingenieurteams heute innerhalb von zwölf Monaten eine produktionsfähige Fabrik hochziehen. Die Technik sei also nicht das Problem.
Fazit: Geld allein baut keine Radare
Berlin und Brüssel verkünden Milliardenprogramme. Diese Programme nützen aber wenig, wenn Genehmigungen monatelang liegen bleiben und die Unternehmen nicht wissen, was künftig bestellt wird. Die Industrie steht bereit, gebremst wird sie offenbar von der Verwaltung. Für Bürger und Sparer zeigt das einmal mehr: Wer sich in unsicheren Zeiten allein auf politische Ankündigungen verlässt, wird oft enttäuscht. Physische Edelmetalle können als Beimischung in einem breit gestreuten Vermögen eine krisenfeste Ergänzung sein.
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