
Pisa-Schock 2.0: Macht die KI unsere Schüler dümmer?

Der oberste Bildungsforscher der OECD nimmt nach dem neuen Pisa-Debakel die Künstliche Intelligenz ins Visier. Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, machte die bequeme Nutzung von KI-Werkzeugen in einem am Freitag erschienenen Zeitungsinterview mitverantwortlich für die schwachen Leistungen deutscher Jugendlicher. Seine Diagnose: Wo die Maschine das Denken übernimmt, hört das Lernen auf.
"Wenn KI zum bequemen Weg zur fertigen Antwort wird, wird sie Lernen untergraben"
Schüler, die zu KI griffen, hätten im Schnitt schlechter abgeschnitten als jene, die darauf verzichteten, so Schleicher. Ein Verbot leitet er daraus ausdrücklich nicht ab – sondern die Forderung nach besserem Unterricht.
Die Zahlen, die niemand schönreden kann
Der Hintergrund ist bitter. Die am Dienstag in Paris veröffentlichte Pisa-Studie weist für Deutschland die niedrigsten je gemessenen Werte aus: 486 Punkte in Naturwissenschaften, 465 im Lesen, 464 in Mathematik. 2022 waren es noch 492, 480 und 475.
Jedem dritten 15-Jährigen fehlen laut Studie die Grundkompetenzen im Lesen und Rechnen, jedem vierten in den Naturwissenschaften. Gut jeder Fünfte, so der nationale Studienleiter, erreiche in keinem der drei Felder ausreichende Basiskompetenzen. Getestet wurden 2025 rund 6.700 Schüler an 250 deutschen Schulen, weltweit über 760.000 in 91 Staaten und Regionen.
Zum Vergleich: In Mathematik lagen deutsche Jugendliche 2015 noch über der 500-Punkte-Marke. Seither geht es kontinuierlich abwärts. Die Bundesbildungsministerin nannte den Befund besorgniserregend, die Präsidentin der Bildungsministerkonferenz sprach von einem "desaströsen, aber nicht überraschenden Ergebnis".
Reibung, Mühe, Anstrengung – lauter unmoderne Wörter
Schleicher hält die Technologie weder für den Feind noch für die Lösung. Entscheidend sei die Pädagogik: "KI darf nicht Denkarbeit ersetzen, sondern muss sie anspruchsvoller machen." Wenn Lehrkräfte KI nutzten, um Erklärungen zu vergleichen, Denkfehler aufzudecken und Argumente zu schärfen, könne sie zu einem außergewöhnlichen Beschleuniger werden.
Lernen brauche geistige Anstrengung, Reibung und oft auch Mühe – auslagern lasse sich das nicht. Ein Satz, der in einem Bildungsdiskurs, der jahrelang vor allem über Wohlfühlpädagogik und Kompetenzraster debattierte, wie ein Fremdkörper wirkt.
Zugleich warnte Schleicher: Wenn Bildung moralische Werte und menschliche Fähigkeiten nicht entschlossen stärke und schütze, könnte KI am Ende die Fundamente unserer Gesellschaften untergraben.
Tablets statt Tiefe – Deutschlands digitaler Irrweg
Die Digitalisierung der Schulen solle ehrgeizig ausfallen, fordert der Bildungsdirektor. Es bringe nichts, "die Schule von gestern zu digitalisieren"; nötig sei eine Neuordnung von Raum, Zeit, Personal und Technologie.
Genau hier liegt aus Sicht unserer Redaktion der Kern des Versagens. Milliarden flossen in Digitalpakte und Endgeräte, während Lesen, Schreiben und Rechnen zurückfielen. Estland, so die Studie, verfolgt ein durchgängiges Konzept von der Kita bis zum Programmieren – Spitzenreiter wie Singapur, Japan oder Korea setzen laut Schleicher auf weniger Stoff, dafür mehr Tiefe.
Auffällig auch: In Deutschland entscheidet die soziale Herkunft weiter massiv über den Bildungserfolg, die Schere hat sich seit 2015 sogar geöffnet. Der Studienleiter betont, die Trennlinie verlaufe nicht zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, sondern zwischen privilegierten und benachteiligten Familien.
Bund und Länder stellen für rund 4.000 Schulen in schwieriger Lage über zehn Jahre 20 Milliarden Euro bereit. Die Frage nach 25 Jahren Pisa ist längst nicht mehr, was Deutschland tun könnte – sondern ob die Politik überhaupt noch liefert.
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