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Kettner Edelmetalle
16.12.2025
17:44 Uhr

Ostsee-Tourismus im freien Fall: Traditionshotels kapitulieren vor der Kostenlawine

Während die Tourismusverbände noch von „stabiler Nachfrage" schwärmen, vollzieht sich an der deutschen Ostseeküste ein stilles Sterben. Hotels mit über einem Jahrhundert Geschichte schließen ihre Pforten, Familienbetriebe geben auf, und die Gastronomie erlebt einen beispiellosen Exodus. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Noch nie gab es so viele Abmeldungen von Hotels und Restaurants in Mecklenburg-Vorpommern wie in diesem Jahr.

Traditionsreiche Häuser verschwinden von der Bildfläche

Der Scheelehof in Stralsund – ein Hotel mit markanter Klinkerfassade und jahrzehntelanger Tradition – musste im November den Betrieb einstellen. Fast 90 Beschäftigte standen von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit da. Noch dramatischer mutet das Ende des Hotel Usedom Palace in Zinnowitz an: Nach 125 Jahren Betrieb werden die ehemals 43 Hotelzimmer nun in exklusive Eigentumswohnungen umgewandelt. Ein Fünf-Sterne-Haus, in dem einst Hollywoodgrößen wie Pierce Brosnan und Ewan McGregor logierten, weicht dem Immobilienmarkt.

Das ist kein Einzelfall, sondern Symptom einer tiefgreifenden Krise. Vor allem auf dem Land und in kleineren Ortschaften grassiert das, was regionale Medien treffend als „Gaststättensterben" bezeichnen. Die Ironie dabei: An Gästen mangelt es nicht. Die Übernachtungszahlen steigen sogar.

Mehr Gäste, weniger Geld – die paradoxe Realität

Lars Schwarz, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Mecklenburg-Vorpommern, bringt das Dilemma auf den Punkt: Die Urlauber kommen zwar, aber sie lassen „deutlich weniger Geld" da. Die Situation in vielen Betrieben sei „nicht rosig, schlecht oder teilweise auch katastrophal". In den ersten drei Monaten des Jahres verzeichnete die Branche im Vergleich zu 2019 – also vor Corona – ein Umsatzminus von über 18 Prozent.

„Die Situation sieht in vielen Betrieben nicht rosig, schlecht oder teilweise auch katastrophal aus. Das führt zu vielen Betriebsaufgaben."

Der Tourismusverband malt ein anderes Bild

Während die Hoteliers und Gastronomen um ihre Existenz kämpfen, verbreitet der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern erstaunlichen Optimismus. Präsidentin Birgit Hesse spricht von einer „stabilen und in Teilen dynamischen" Entwicklung. Jedes zweite Unternehmen sei zufrieden mit dem laufenden Tourismusjahr. Doch diese Statistik hat einen Haken, wie Schwarz kritisiert: In den Verbänden seien nicht nur die kämpfenden Hoteliers vertreten, sondern auch Kreuzfahrt-Reedereien und andere Akteure, denen es deutlich besser geht.

Die Kostenlawine rollt unaufhaltsam

Das Kernproblem ist schnell identifiziert: sinkende Umsätze bei explodierenden Kosten. Der gestiegene Mindestlohn wirkt sich auf sämtliche Dienstleistungen aus – von der Wäscherei bis zum Zulieferer. Energiepreise auf Rekordniveau, steigende Mieten und Lebensmittelkosten, die durch die Decke gehen, setzen den Betrieben zusätzlich zu. Die Folge: Viele können ihre Preise nicht mehr konkurrenzfähig gestalten.

Besonders bitter schmeckt vielen Gastronomen das gebrochene Versprechen der ehemaligen Ampel-Regierung. Als Bundeskanzler Olaf Scholz die zugesagte Mehrwertsteuersenkung nicht umsetzte, begann die Kaufzurückhaltung. Die Menschen sparten ausgerechnet dort, wo es die Branche am härtesten trifft: bei Restaurantbesuchen und Hotelübernachtungen.

Polen als günstigere Alternative

Die Konsequenz dieser verfehlten Politik zeigt sich an der Grenze: Immer mehr Urlauber entscheiden sich für die polnische Ostsee. Dort ist der Mindestlohn deutlich niedriger, die Mehrwertsteuer nur halb so hoch. Übernachtungen und Restaurantbesuche kosten entsprechend weniger. Am Ende, so Schwarz nüchtern, entscheide sich der Urlauber für das, was am besten zu seinem Geldbeutel passe.

Hoffnung auf die neue Regierung

Die geplante Mehrwertsteuersenkung auf sieben Prozent ab Januar 2026 weckt vorsichtigen Optimismus. Während der Corona-Pandemie erwies sich diese Maßnahme als wirksames Instrument zur Stabilisierung der Branche. Ob sie jedoch ausreicht, um das Sterben der Traditionsbetriebe aufzuhalten, bleibt abzuwarten. Für viele kommt die Hilfe möglicherweise zu spät.

Die Entwicklung an der Ostsee ist ein Lehrstück dafür, wie politische Fehlentscheidungen und wirtschaftliche Rahmenbedingungen eine ganze Branche in die Knie zwingen können – trotz steigender Nachfrage. Es bleibt zu hoffen, dass die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz die richtigen Schlüsse zieht und handelt, bevor weitere Traditionshotels und Familienbetriebe der Kostenlawine zum Opfer fallen.

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