
Ofarim-Skandal: Das wahre Opfer meldet sich zu Wort – und die Öffentlichkeit schaut weg
Es ist eine Geschichte, die exemplarisch für den Zustand unserer Mediengesellschaft steht: Ein Prominenter erfindet einen Antisemitismus-Vorfall, zerstört damit beinahe das Leben eines unbescholtenen Arbeitnehmers – und wird Jahre später im Trash-Fernsehen rehabilitiert, während das eigentliche Opfer weiterhin leidet. Der Fall Gil Ofarim und der Leipziger Hotel-Mitarbeiter Markus W. ist ein Lehrstück darüber, wie leichtfertig in Deutschland Existenzen vernichtet werden können.
Die dreiste Selbstinszenierung eines überführten Lügners
Markus W., jener Mitarbeiter des Westin-Hotels in Leipzig, der 2021 durch Ofarims frei erfundene Antisemitismus-Anschuldigung in einen Albtraum gestürzt wurde, hat sich nun in einem Interview zu Wort gemeldet. Seine Worte sind ein Hilferuf – und zugleich eine Anklage gegen ein System, das Täter belohnt und Opfer vergisst. „Er inszeniert sich wie ein Opfer, obwohl ich das bin", sagte W. mit Blick auf Ofarims jüngsten Auftritt im RTL-„Dschungelcamp", wo der Sänger nicht nur 100.000 Euro einstreichen konnte, sondern offenbar auch an seiner öffentlichen Rehabilitation arbeitete.
Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Mann, der nachweislich gelogen hat, der einen Antisemitismus-Vorfall komplett erfunden hat, der damit Demonstrationen vor einem Hotel auslöste und einen unschuldigen Menschen in Lebensgefahr brachte – dieser Mann darf sich im Privatfernsehen als geläuterter Sympathieträger präsentieren. Und kassiert dafür auch noch eine sechsstellige Summe.
Morddrohungen, Flucht und ein zerstörtes Leben
Was Markus W. nach jenem verhängnisvollen Abend im Oktober 2021 durchmachen musste, liest sich wie ein Thriller. Seine Social-Media-Konten seien regelrecht „bombardiert" worden, er habe Morddrohungen erhalten. Sein damaliger Vorgesetzter habe ihn noch am selben Abend angerufen und angeboten, ihn an einen sicheren Ort zu bringen. Eine Viertelstunde später sei eine Limousine vorgefahren. „Es war wie in einem Film", erinnerte sich W.
Doch es war kein Film. Es war bittere Realität. Der Hotel-Mitarbeiter traute sich nicht einmal mehr zur Hochzeit seines eigenen Bruders – aus purer Angst, jemand könnte ein Foto von ihm machen, auf dem er feiernd oder lachend zu sehen sei. Ein unbescholtener Mann, der sich nicht einmal mehr erlauben konnte, auf der Hochzeit seines Bruders zu lachen. Weil ein Prominenter gelogen hatte.
Was an jenem Abend wirklich geschah
W. schilderte nun erstmals detailliert, was sich tatsächlich an der Hotelrezeption zugetragen habe. Wegen eines technischen Problems habe sich das Einchecken verzögert, Ofarim habe etwa 20 Minuten warten müssen. Als er schließlich an der Reihe gewesen sei, habe er den Mitarbeiter angepöbelt, mit dem Finger auf ihn gezeigt und geschimpft, was das für ein „Scheißladen" sei. Dann habe er gedroht, die Zustände öffentlich zu machen – „das werde viral gehen". Dabei habe Ofarim in die Hände geklatscht und gesagt: „Bäm, bäm, bäm." Daraufhin habe W. ihm den Meldeschein weggezogen und erklärt, dass er unter diesen Umständen nicht Gast des Hauses sein könne.
Was folgte, war das berüchtigte Tränen-Video, in dem Ofarim behauptete, wegen einer Davidstern-Kette des Hotels verwiesen worden zu sein. Eine glatte Lüge, wie sich später vor Gericht herausstellte. Überwachungsvideos bewiesen die Unschuld des Hotel-Mitarbeiters.
Schmerzensgeld? Fehlanzeige!
Besonders bitter: Das Strafverfahren gegen Ofarim wurde seinerzeit gegen eine Geldauflage eingestellt. Markus W. habe sich nur deshalb darauf eingelassen, weil er „die Sache endlich abschließen" wollte. Doch das vereinbarte Schmerzensgeld in Höhe von 20.000 Euro – eine geradezu lächerliche Summe angesichts des angerichteten Schadens – habe er bis heute nicht erhalten. Man fragt sich unwillkürlich: Für das Dschungelcamp reicht das Engagement, aber für die Wiedergutmachung gegenüber dem Menschen, dessen Leben man zerstört hat, fehlen offenbar die Mittel?
Noch verstörender sei, so W., dass Ofarim im Dschungelcamp zweifelhafte Andeutungen hinsichtlich möglicherweise manipulierter Überwachungsvideos gemacht habe. Jener Videos also, die vor Gericht W.s Unschuld bewiesen hatten. „Fassungslos" mache ihn das, sagte der Hotel-Mitarbeiter. Weder das Gericht noch der Videogutachter hätten die Glaubwürdigkeit der Aufnahmen jemals in Zweifel gezogen.
Ein Symptom einer kranken Medienkultur
Der Fall Ofarim offenbart ein tiefgreifendes Problem unserer Gesellschaft. In einer Zeit, in der Social-Media-Videos Karrieren und Existenzen binnen Stunden vernichten können, in der der Mob im Internet richtet, bevor auch nur ein einziger Beweis vorliegt, wird deutlich, wie fragil der Rechtsstaat geworden ist. Markus W. brachte es auf den Punkt: „Beweisen Sie mal, daß etwas nicht stimmt. Daß Sie kein Antisemit sind. Wie macht man so etwas?"
Diese Frage sollte jedem zu denken geben. In einer Gesellschaft, die zunehmend nach dem Prinzip „guilty until proven innocent" funktioniert, kann es jeden treffen. Ein einziges virales Video, eine einzige falsche Anschuldigung – und das Leben, wie man es kannte, ist vorbei. Dass ausgerechnet der überführte Lügner nun im Fernsehen rehabilitiert wird, während sein Opfer weiterhin auf Gerechtigkeit wartet, ist ein Armutszeugnis für unsere Medienlandschaft.
Dass RTL einem nachweislichen Schwindler eine Plattform zur Selbstinszenierung bietet und ihn dafür auch noch fürstlich entlohnt, sagt mehr über den Zustand des deutschen Fernsehens aus als tausend Programmanalysen. Es ist die gleiche Branche, die sich sonst so gerne als moralische Instanz aufspielt und bei jeder Gelegenheit den Zeigefinger erhebt. Wenn es aber um Einschaltquoten geht, sind alle hehren Prinzipien plötzlich verhandelbar. Markus W. hingegen bleibt mit seinen Narben zurück – und der bangen Frage: „Ist es denn nie vorbei?"

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