
Netz voll, Antrag abgelehnt: Wie Berlin die eigene Energiewende gegen die Wand fährt

Es ist ein bemerkenswerter Vorgang: Ausgerechnet jene Bundesregierung, die den Klimaschutz ins Grundgesetz geschrieben hat, zieht nun die Handbremse bei Wind und Sonne. Das Bundeskabinett hat einen Gesetzentwurf aus dem Hause von Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) durchgewinkt, der ab 2027 die Spielregeln der Energiewende empfindlich verschärft. Netzbetreiber sollen künftig Anträge für neue Wind- und Solarparks schlicht ablehnen dürfen – dann nämlich, wenn das betroffene Netzgebiet zuvor als „kapazitätslimitiert" gebrandmarkt wurde. Übersetzt heißt das: Das Stromnetz ist voll. Und wer zu spät kommt, den bestraft die Physik.
Die Rechnung, die nie aufging
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Über zwei Jahrzehnte lang wurde in Deutschland gefördert, subventioniert, privilegiert und beschleunigt, was Rotorblätter oder Solarzellen hatte. Nur an eines hat offenbar niemand gedacht: an die Leitungen, durch die der Strom fließen soll. Der Zubau der Erzeugungsanlagen sei schneller gelaufen als der Ausbau der Netze, heißt es nun beschönigend. Man könnte es auch anders formulieren: Hier wurde jahrelang ein Auto gebaut, ohne sich um die Straße zu kümmern.
Die Quittung liegt auf dem Tisch. Weil Leitungen sonst überlastet würden, müssen Netzbetreiber Windräder und Solarparks immer häufiger abregeln – und die Betreiber bekommen dafür bislang Geld, obwohl sie nichts geliefert haben. Rund drei Milliarden Euro sollen sich diese sogenannten Redispatch-Kosten im Jahr 2025 belaufen haben, Entschädigungen für abgeschalteten Ökostrom und teurer Ersatzstrom aus konventionellen Kraftwerken zusammengenommen. Wer diese Rechnung bezahlt, muss man dem deutschen Stromkunden nicht mehr erklären. Er sieht es jeden Monat auf seiner Abrechnung.
Deutschland hat sich ein Energiesystem gebaut, in dem der Bürger dafür zahlt, dass Strom nicht produziert wird. Es dürfte schwerfallen, dafür ein zweites Beispiel in der Wirtschaftsgeschichte zu finden.
Fünf Prozent, und das Licht geht aus
Die neue Mechanik ist so simpel wie folgenreich. Musste in einem Netzgebiet die Leistung der angeschlossenen Erneuerbaren im Vorjahr um mehr als fünf Prozent gedrosselt werden, gilt das Gebiet als kapazitätslimitiert. Die Einstufung sei öffentlich bei der Bundesnetzagentur einsehbar und könne bis zu sechs Jahre gelten, mit einer einmaligen Verlängerung um weitere anderthalb Jahre. Betrachtet wird dabei technologiespezifisch: Ein Landkreis kann für Windkraft gesperrt sein, während Solaranlagen dort weiterhin ans Netz dürfen – oder umgekehrt.
Der eigentliche Hebel aber liegt beim Geld. In den betroffenen Zonen soll es künftig keine oder deutlich reduzierte Entschädigungen mehr geben. Betreiber neuer Solaranlagen müssten laut Entwurf auf Ausgleichszahlungen für bis zu 20 Prozent ihres Jahresertrags verzichten, bei Windrädern in ausgewiesenen Vorranggebieten liege die Schwelle bei 18 Prozent. Damit wird aus einem staatlich garantierten Geschäftsmodell wieder etwas, das man in der freien Wirtschaft unternehmerisches Risiko nennt. Die Branche ist entsprechend alarmiert: Wenn Wetter, Verbrauch und Netzausbau kaum prognostizierbar seien, ließen sich keine belastbaren Ertragsrechnungen mehr aufstellen – und Banken dürften Kredite dann nur noch zu deutlich höheren Zinsen vergeben.
Welche Regionen es treffen könnte
Wie viele Landkreise am Ende auf der Liste stehen, weiß derzeit niemand. Eine Untersuchung des Beratungshauses Enervis im Auftrag eines Ökostromanbieters hatte im Frühjahr die Abregelungen des Jahres 2025 analysiert – allerdings noch mit einer damals diskutierten Schwelle von drei statt fünf Prozent. Auf dieser Grundlage wären 90 Landkreise betroffen gewesen, schwerpunktmäßig an Nord- und Ostseeküste sowie in Bayern. Für Solarenergie hätten 73 Kreise die Kriterien erfüllt, für Windkraft 50. Bayern, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen stünden bei der Photovoltaik im Fokus, bei der Windkraft die gesamte Küstenregion plus Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Brandenburg.
Und hier wird es pikant: 2025 war ein windschwaches Jahr. Weniger Wind bedeutet weniger Erzeugung, weniger Erzeugung bedeutet weniger Abregelung. In einem normalen oder gar windreichen Jahr dürften also erheblich mehr Landkreise in die Kategorie rutschen. Weil für die Einstufung immer nur das unmittelbar vorangegangene Kalenderjahr zählt, könnten auch Regionen erwischt werden, die gar kein strukturelles Netzproblem haben. Ein Zufallsgenerator mit Gesetzeskraft, sozusagen.
Die Länder proben den Aufstand
Vorprogrammiert ist der Konflikt mit den Bundesländern. Viele von ihnen haben sich eigene Ausbauziele auferlegt, einige wollen bereits 2040 klimaneutral sein – ein Datum, das ohne massiven Zubau an Wind- und Solarkapazität ungefähr so realistisch ist wie ein pünktlicher Fernverkehr der Deutschen Bahn. Bereits im Mai hatten die Energieministerien der Länder einen früheren Entwurf scharf kritisiert und Nachbesserungen verlangt. Nun sind Bundestag und Bundesrat am Zug, im Herbst wird beraten. Änderungen sind wahrscheinlich.
Bemerkenswert bleibt der politische Befund. Da wurde erst ein Ausbau bestellt, den das Netz nie tragen konnte, dann wurden Milliarden an Entschädigungen für Nichtproduktion ausgeschüttet, und jetzt kassiert man die Privilegien wieder ein, weil die Kosten aus dem Ruder laufen. Das ist keine Energiepolitik, das ist Krisenmanagement für selbstverschuldete Probleme. Ein Realitätsschock, den man sich mit etwas ingenieurmäßigem Verstand vor zwanzig Jahren hätte ersparen können.
Was das für Ihr Vermögen bedeutet
Für den Bürger heißt das unterm Strich: Die Stromkosten werden nicht sinken. Ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen, eine im Grundgesetz zementierte Klimaneutralität und ein Energiesystem, das an seinen eigenen Widersprüchen laboriert – all das treibt die Preise und langfristig die Geldentwertung. Wer sein Erspartes gegen politisch verursachte Kaufkraftverluste absichern möchte, findet in physischen Edelmetallen wie Gold und Silber seit Jahrtausenden das, was staatlich gelenkte Zukunftsversprechen nicht bieten können: Substanz, die man in der Hand hält und die kein Netzbetreiber abregeln kann. Als solide Beimischung eines breit gestreuten Vermögens haben sie sich in jeder Krise bewährt.
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