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30.07.2026
16:42 Uhr

Nach dem Islamisten-Anschlag auf den Berliner CSD: Ein muslimischer Kommentator hält den Spiegel hoch – doch der Staat schaut weiter weg

Es ist ein bemerkenswerter Text, der dieser Tage in der Berliner Presse erschienen ist. Ein heterosexueller Muslim, Sohn einer Gastarbeiterfamilie, schreibt über den Terror, über Verantwortung, über Freiheit – und über die Frage, was Muslime dieser Gesellschaft eigentlich schulden. Bemerkenswert ist nicht nur, dass dieser Text existiert. Bemerkenswert ist, wie lange man auf ihn warten musste.

Der Anlass ist so brutal wie eindeutig: Am vergangenen Samstag raste ein Fahrzeug in die Menschenmenge beim Christopher Street Day im Herzen Berlins. Eine Frau starb, 29 Menschen wurden verletzt. Die Ermittler gehen nach derzeitigem Stand von einem islamistischen Tatmotiv aus. Nicht von einem „Einzelfall mit psychischen Problemen“, nicht von einer „Beziehungstat“, nicht von den üblichen sprachlichen Weichspülern, mit denen deutsche Behörden und Redaktionen sonst so gern arbeiten.

Der Satz eines Großvaters – und was er über dieses Land verrät

Der Autor erzählt von seinem Großvater, der in den Siebzigerjahren als türkischer Gastarbeiter nach Deutschland kam. Vor der Kölner Zentralmoschee habe der alte Mann jeden Stolz auf die eigene Leistung zurückgewiesen. Man solle sich nichts vormachen, habe er gesagt: Ohne die Toleranz der Deutschen würde man bis heute in Hinterhöfen beten. Und man dürfe niemals vergessen, dafür Dank zu sagen.

Sinngemäß: Ohne die Duldsamkeit der deutschen Mehrheitsgesellschaft gäbe es keine Kuppeln und Minarette in deutschen Innenstädten – sondern Gebetsräume in Hinterhöfen. Und dieser Umstand verlange Dankbarkeit.

Man muss diesen Satz zweimal lesen, um zu verstehen, wie weit sich das Land von der Selbstverständlichkeit dieser Einsicht entfernt hat. Der Enkel widerspricht dem Großvater übrigens teilweise – Grundrechte seien keine Gefälligkeit der Mehrheit, sondern Recht. Formal richtig. Nur beschreibt der Großvater etwas, das jenseits der Paragrafen liegt: Ein Gemeinwesen funktioniert nicht über Rechtsansprüche allein, sondern über Loyalität, über Respekt, über das stillschweigende Einverständnis, dass man das Haus, in dem man wohnt, nicht anzündet. Genau dieses Einverständnis erodiert.

Zwischen Kollektivschuld und Verantwortung – eine notwendige Unterscheidung

Der Kommentator lehnt eine Kollektiventschuldigung ab, und das ist legitim. Niemand haftet für die Mordentscheidung eines Fremden. Doch er belässt es nicht beim bequemen Reflex „Das hat nichts mit dem Islam zu tun“. Er verlangt Haltung. Er verlangt, dass über die Bedingungen gesprochen werde, unter denen islamistische Ideologie gedeihen könne – auch dann, wenn das Gespräch unangenehm werde. Er verlangt, dass Eltern, Lehrer, Imame und Verbandsvertreter widersprechen, bevor aus Verachtung Gewalt wird. Nicht erst danach.

Das ist mehr, als man von den großen islamischen Verbänden in diesem Land in zwei Jahrzehnten gehört hat. Und es ist mehr, als der politische Betrieb je einzufordern wagte – aus Angst, als „islamfeindlich“ gebrandmarkt zu werden. Diese Angst hat Deutschland teuer bezahlt: mit Weihnachtsmärkten hinter Betonsperren, mit Polizeischutz für Volksfeste, mit einer Normalität, die keine mehr ist.

Die Radikalisierung findet im Kinderzimmer statt

Besonders aufschlussreich ist der Hinweis, dass islamistische Propaganda längst keine Moschee und kein Jugendzentrum mehr benötige. Ein Smartphone genüge. TikTok-Prediger und anonyme Kanäle teilten die Welt in Gläubige und Ungläubige, verwandelten Orientierungslosigkeit in religiöse Gewissheit und das Gefühl des Nichtdazugehörens in Wut. Der Berliner Verfassungsschutz habe diese Propaganda inzwischen als zentralen Radikalisierungstreiber eingeordnet. Man darf fragen: Was genau hat die Politik dagegen unternommen? Man hat Meldestellen für falsche Meinungen gebaut, Bürger wegen Netz-Beleidigungen morgens aus dem Bett geholt und Rentnern die Wohnung durchsucht. Gegen die eigentliche Radikalisierungsmaschine geschah – nichts.

Der eigentliche Skandal: Der Täter war bekannt

Und dann kommt der Punkt, an dem jede Debatte über Haltung, Toleranz und Solidarität zur Nebensache wird. Der Täter war den Behörden bekannt. Ein Analyseinstrument des Bundeskriminalamts hatte ihn bereits als Hochrisikoperson eingestuft. Ein Gefährder. Aktenkundig. Erfasst. Kategorisiert. Und trotzdem in der Lage, in Berlin Menschen zu töten.

Das ist kein Behördenversehen. Das ist Staatsversagen mit Ansage. Ein Staat, der die eigenen Gefährderlisten führt wie ein Briefmarkenalbum, der Abschiebungen an juristischen Endlosschleifen scheitern lässt und der jede Verschärfung des Ausländerrechts jahrelang als Zumutung behandelte, hat seinen Kernauftrag verfehlt: den Schutz von Leib und Leben der hier lebenden Menschen. Aufklärung sei, so der Kommentator, keine Instrumentalisierung, sondern eine Verpflichtung gegenüber den Toten und Verletzten. Dem ist nichts hinzuzufügen – außer der bitteren Prognose, dass sie wohl auch diesmal im Nebel von Untersuchungsausschüssen verdampfen wird.

Gewalt fragt nicht nach Religion

Der Autor beschreibt drei Ängste: die Angst, dass die eigenen Kinder digital vergiftet werden; die Angst, selbst in der Menge zu stehen, weil ein Fahrzeug nicht nach Religion frage und eine Klinge nicht zwischen Christen, Juden und Muslimen unterscheide; und die Angst vor Pauschalverdacht nach der Tat. Man kann über die Reihenfolge streiten. Man kann aber nicht bestreiten, dass die zweite Angst inzwischen alle Bürger dieses Landes teilen – vom Rentner auf dem Wochenmarkt bis zur Familie mit Migrationshintergrund im Neuköllner Freibad.

Die Rechnung für zwanzig Jahre Realitätsverweigerung

Deutschland erlebt Kriminalität auf Rekordniveau, Messerangriffe sind zur wöchentlichen Meldung geworden, und die politische Klasse antwortet mit Betroffenheitsritualen, Kerzen und Sprechblasen über Zusammenhalt. Das ist nicht nur die Auffassung unserer Redaktion – ein Großteil der Bürger dieses Landes hat längst begriffen, dass die Ursache nicht im Zufall liegt, sondern in einer Politik, die Grenzen für eine Frage der Moral hielt, Sicherheitsbehörden ausgehungert und Konsequenz mit Unmenschlichkeit verwechselt hat. Auch die neue Bundesregierung hat hier bislang mehr angekündigt als geliefert.

Was bleibt? Ein muslimischer Autor, der seiner eigenen Gemeinschaft ins Gewissen redet und dabei mutiger ist als das halbe Berliner Regierungsviertel. Freiheit, schreibt er, sei kein Tauschgeschäft und verlange keine Vorleistung – sie bestehe nur, solange jene, die sie beanspruchen, sie auch für andere verteidigen. Richtig. Ergänzen wir: Sie besteht auch nur so lange, wie ein Staat willens ist, sie gegen ihre Feinde zu verteidigen. Bekannte Gefährder gehören nicht in Datenbanken. Sie gehören außer Landes. Alles andere ist die Verwaltung des nächsten Anschlags.

Wir brauchen keine neue Debattenkultur. Wir brauchen Politiker, die für dieses Land regieren und nicht gegen es.

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