
Moskau dreht den Spieß um: Russland jagt Telegram-Gründer Durov wegen „Terrorbeihilfe"
Was für eine Ironie der Geschichte. Ausgerechnet jenes Russland, das Telegram jahrelang als unverzichtbares Kommunikationsinstrument nutzte – von Putins Pressesprecher bis hin zu den Truppen an der Front –, wendet sich nun mit der vollen Wucht seines Repressionsapparats gegen den Gründer der Plattform. Der russische Inlandsgeheimdienst FSB hat strafrechtliche Ermittlungen gegen Pavel Durov eingeleitet. Der Vorwurf wiegt schwer: „Beihilfe zu terroristischen Aktivitäten".
Der FSB schwingt die Keule
Wie mehrere russische Medien – darunter die staatliche Rossijskaja Gaseta und die kremlnahe Komsomolskaja Prawda – am Dienstag berichteten, stützen sich die Ermittlungen auf Dokumente des FSB. In einem rund 1.500 Wörter umfassenden Bericht werde behauptet, Telegram sei von NATO-Staaten und der Ukraine als Werkzeug der „hybriden Kriegsführung" gegen Russland instrumentalisiert worden. Die Plattform habe zur Organisation politischer Unruhen, Terroranschläge und Sabotageakte gedient.
Konkret wirft der FSB Durov vor, sich über Jahre hinweg konsequent geweigert zu haben, verschlüsselte Nachrichten von Kriminellen an die russischen Behörden weiterzuleiten. Durch diese „Untätigkeit" habe Telegram mehrere schwerwiegende Anschläge ermöglicht – darunter Attentate auf hochrangige Militärs und das verheerende Massaker in der Crocus City Hall bei Moskau Anfang 2024. Die Zahlen, die der FSB in den Raum stellt, sind beeindruckend: 13 ukrainische Attentatsversuche sowie 33.000 „Bombenanschläge, Brandstiftungen an Rekrutierungszentren und Morde" seit Kriegsbeginn sollen über Telegram koordiniert worden sein.
Wenn der Staat zum Heuchler wird
Man muss kein Freund des Kremls sein, um die groteske Doppelmoral hinter diesem Vorgehen zu erkennen. Telegram ist in Russland mit bis zu 105 Millionen monatlichen Nutzern eine der meistgenutzten Kommunikationsplattformen überhaupt. Ministerien veröffentlichen dort offizielle Stellungnahmen. Soldaten koordinieren über die App ihre Einsätze an der Front. Putins eigener Sprecher kommuniziert über Telegram mit den Medien. Und nun soll genau diese Plattform plötzlich ein Terrorinstrument sein?
Die Vermutung liegt nahe, dass es Moskau weniger um Terrorbekämpfung geht als vielmehr um die vollständige Kontrolle des digitalen Raums. Beobachter vermuten, dass die Ermittlungen auch dazu dienen könnten, russische Bürger zur staatlich gelenkten Plattform MAX zu drängen – einem Messenger, der unter der Aufsicht des Kremls steht und damit für Überwachung und politische Zensur prädestiniert wäre.
Selbst Gouverneure rebellieren
Bezeichnend ist, dass die Kritik an Moskaus Vorgehen nicht nur von außen kommt. Mehrere Gouverneure russischer Grenzregionen zur Ukraine haben sich offen gegen die Maßnahmen ausgesprochen. Ihr Argument ist so simpel wie schlagend: Sie nutzen Telegram, um ihre Bevölkerung vor bevorstehenden Drohnen- und Raketenangriffen zu warnen. Wer den Dienst einschränkt, gefährdet Menschenleben. Doch wann hat das den Kreml jemals interessiert?
Durov – ein Mann zwischen allen Fronten
Pavel Durov, der 41-jährige Gründer von Telegram, hat sich bislang nicht zu den Ermittlungen geäußert. Er residiert derzeit in Dubai – weit entfernt vom langen Arm des FSB. Bereits 2014 hatte er Russland verlassen, nachdem er sich geweigert hatte, Seiten von Oppositionsgruppen auf dem von ihm gegründeten sozialen Netzwerk VKontakte zu löschen. Ein Mann mit Prinzipien, könnte man meinen. Oder zumindest ein Mann, der weiß, wann es Zeit ist zu gehen.
Doch Durov steht nicht nur in Russland unter Druck. Auch in Frankreich hatte er bereits Probleme mit den Behörden. Der Telegram-Gründer befindet sich in einer Zwickmühle zwischen autoritären Regimen, die vollständige Kontrolle fordern, und westlichen Demokratien, die zunehmend ähnliche Begehrlichkeiten entwickeln.
Ein Muster, das auch Europa kennt
Und hier wird es für den aufmerksamen Beobachter besonders interessant. Denn die Methoden, mit denen Moskau gegen Telegram vorgeht, unterscheiden sich in ihrer Grundlogik erschreckend wenig von dem, was wir auch in der Europäischen Union erleben. Der Digital Services Act, die zunehmenden Forderungen nach Entschlüsselung privater Kommunikation, die Drohungen gegen Plattformbetreiber, die nicht nach der Pfeife der Regulierungsbehörden tanzen – die Parallelen sind unübersehbar.
Natürlich wird man in Brüssel empört aufschreien, wenn man mit dem Kreml verglichen wird. Doch die Frage sei erlaubt: Wo genau verläuft die Grenze zwischen „Terrorbekämpfung" und politischer Zensur? Russland behauptet, Telegram ermögliche Terrorismus. Die EU behauptet, unregulierte Plattformen ermöglichten „Desinformation" und „Hassrede". Die Begründungen mögen unterschiedlich klingen, das Ziel ist dasselbe: die Kontrolle über den freien Informationsfluss.
In Zeiten, in denen Regierungen weltweit – ob in Moskau, Brüssel oder anderswo – immer dreister nach der Kontrolle über digitale Kommunikation greifen, sollte jeder freiheitsliebende Bürger hellhörig werden. Denn wenn erst einmal die Infrastruktur für Zensur und Überwachung steht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie auch gegen jene eingesetzt wird, die heute noch glauben, es treffe nur die anderen.
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