
Leichenteile-Skandal: Harvard zahlt 53 Millionen Dollar an Familien

Die Harvard-Universität legt einen der verstörendsten Skandale ihrer Geschichte mit Geld bei: 53 Millionen Dollar – rund 45,8 Millionen Euro – soll die Elite-Hochschule an Angehörige von Körperspendern zahlen. Ein Gericht in Boston stimmte dem Vergleich am Dienstag vorläufig zu, wie unter Berufung auf die "New York Times" und Reuters berichtet wird.
Hintergrund ist der Fall des früheren Leiters der Leichenhalle an der Harvard Medical School. Er soll über Jahre Körperteile Verstorbener entwendet und auf dem Schwarzmarkt verkauft haben.
Köpfe, Gehirne, Haut – verkauft aus dem Wohnhaus
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft nahm der Mann unter anderem Köpfe, Gesichter, Gehirne, Haut und Hände aus der Bostoner Leichenhalle mit – und brachte sie an seinen Wohnort im Bundesstaat New Hampshire. Dort sollen er und seine Frau die Überreste an Käufer weitergegeben haben.
Der heute 58-Jährige arbeitete laut Reuters fast drei Jahrzehnte für Harvard. Die Taten sollen 2018 begonnen haben, aufgedeckt wurden sie erst 2023. Im Dezember 2025 wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt, nachdem er sich des grenzüberschreitenden Transports von Diebesgut schuldig bekannt hatte.
Der Fall reicht weit über Boston hinaus: Medienberichten zufolge führten die Ermittlungen zu einem landesweiten Netzwerk von Sammlern und Händlern menschlicher Überreste. Der Verkauf von Körperteilen ist in den USA strafbar. Eine Käuferin aus Arkansas, die Überreste aus einem Krematorium gestohlen hatte, wurde im Januar 2025 zu 15 Jahren Haft verurteilt.
Erst abgewiesen, dann doch zugelassen
Dutzende Angehörige zogen gegen die Universität vor Gericht. Sie warfen Harvard laut Reuters Fahrlässigkeit vor – die Hochschule habe das Treiben in ihrer eigenen Leichenhalle jahrelang nicht bemerkt und nicht verhindert.
Zunächst schien die Sache für Harvard glatt zu laufen: Ein Gericht wies die Klagen 2024 ab und verwies dabei auf gesetzliche Haftungsprivilegien für Anatomie-Programme. Doch der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates Massachusetts kippte diese Linie und ließ die Verfahren im vergangenen Jahr wieder zu. Erst danach kam Bewegung in die Sache.
Ein Stipendium als Wiedergutmachung?
Der Vergleich umfasst mehr als Geld. Die Harvard Medical School will den Familien schriftlich bestätigen, dass die Taten "moralisch verwerflich" gewesen seien. Ab dem Studienjahr 2027/28 soll zudem ein jährliches Stipendium für Medizinstudenten im Andenken an alle Körperspender eingerichtet werden.
Medizin-Dekan George Daley und der Dekan für medizinische Ausbildung, Bernard Chang, sprachen laut Reuters von einem schweren Verrat an den Werten der medizinischen Gemeinschaft. Mit der Einigung wolle man langwierige Prozesse vermeiden und den Familien einen Abschluss ermöglichen.
Moralisch verwerflich – so soll Harvard den betroffenen Familien die Taten in einer Erklärung bestätigen.
Vorgesehen sind laut "New York Times" zwei Fonds mit insgesamt 53 Millionen Dollar, verwaltet von einem externen Treuhänder. Die endgültige Einigung wird AFP zufolge im Dezember erwartet, die Abwicklung dürfte Monate dauern.
Vertrauen lässt sich nicht überweisen
Aus Sicht unserer Redaktion legt dieser Fall etwas Grundsätzliches frei: Wer seinen Körper der Wissenschaft vermacht, vertraut einer Institution das Letzte an, was er besitzt. Dass eine der reichsten Universitäten der Welt jahrelang nicht mitbekommen haben will, was in ihrem eigenen Keller geschah, ist mehr als ein Kontrollversagen – es ist ein Bruch mit einem Versprechen, das mit Geld nicht heilbar ist.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. Bewertungen entsprechen unserer eigenen Einschätzung auf Grundlage der uns vorliegenden Informationen.
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