
Industrieflucht nach Osteuropa: Deutsche Wirtschaft blutet aus
Was sich derzeit in der deutschen Industrielandschaft abspielt, gleicht einem schleichenden Exodus biblischen Ausmaßes. DAX-Konzerne packen ihre Koffer, Zulieferer folgen auf dem Fuße, und zurück bleiben leere Werkshallen, arbeitslose Fachkräfte und eine Nation, die zusehen muss, wie ihr industrielles Rückgrat Stück für Stück nach Osten wandert. Die Deindustrialisierung Deutschlands ist keine düstere Zukunftsvision mehr – sie ist bittere Realität.
BMW und Mercedes: Milliarden für Ungarn, Stillstand für Deutschland
Der Münchner Autobauer BMW hat in Debrecen ein brandneues Werk aus dem Boden gestampft. Mehr als zwei Milliarden Euro flossen in die ungarische Fabrik, die künftig die Modelle der „Neuen Klasse" produzieren soll. Über 2.000 Arbeitsplätze entstehen dort – wohlgemerkt nicht in Bayern, nicht in Sachsen, sondern in Ungarn. Die Botschaft könnte kaum deutlicher sein.
Mercedes-Benz steht dem in nichts nach. Der Stuttgarter Konzern pumpt rund eine Milliarde Euro in sein Werk im ungarischen Kecskemét. Die Kapazität soll auf 200.000 Fahrzeuge jährlich steigen. Finanzvorstand Harald Wilhelm hat die Marschrichtung unmissverständlich formuliert: Der Anteil der Fertigung in Niedrigkostenländern soll von 15 Prozent im Jahr 2023 auf satte 30 Prozent bis 2030 wachsen. Während die Produktion in Deutschland schrumpft, boomt sie östlich der Grenze.
Zulieferer im Schlepptau: Die Kettenreaktion der Abwanderung
Wenn die großen Autohersteller ihre Zelte abbrechen, folgen die Zulieferer wie Lemminge. ZF Friedrichshafen errichtet in Ungarn neue Fabriken für Stoßdämpfer und Achsmodule – Investitionsvolumen: 62 Millionen Euro, garniert mit staatlichen Zuschüssen. Bosch eröffnete Anfang 2025 in Miskolc ein Logistik- und Lagerzentrum für stolze 147,6 Millionen Euro. Es entsteht ein industrielles Netzwerk, das sich von der Fahrzeugproduktion bis zur Komponentenfertigung erstreckt – nur eben nicht mehr in Deutschland.
Werksschließungen: Der hohe Preis der Verlagerung
Die Kehrseite dieser Entwicklung zeigt sich in den deutschen Industrieregionen mit erschreckender Deutlichkeit. GKN Driveline schloss seinen Standort in Zwickau-Mosel – mehr als 800 Arbeitsplätze verschwanden über Nacht. Das Unternehmen verwies auf die Umbrüche in der Autoindustrie, fallende Preise und steigende Kosten. Zeitgleich entstand in Ungarn ein neues Werk, das von staatlicher Förderung profitiert.
Besonders pikant mutet der Fall Henkel an. Das Klebstoff-Werk in Heidenau schloss Ende 2024, rund 40 Stellen fielen weg. Die Produktion wanderte nach Környe in Ungarn. Brisant dabei: Noch Ende August 2024 hatte Henkel-Chef Carsten Knobel öffentlich versichert, man werde kein Werk in Deutschland schließen. So viel zur Verlässlichkeit von Konzernversprechen.
Die brutale Wahrheit der Zahlen
Warum flüchten die Konzerne? Die Antwort liegt in einer simplen Rechnung, die jeden Finanzvorstand zum Handeln zwingt. Ein Industriearbeiter verdient in Ungarn durchschnittlich rund 1.500 Euro brutto monatlich – in Deutschland sind es über 4.600 Euro. Ungarn lockt mit neun Prozent Körperschaftsteuer, während deutsche Unternehmen häufig mit einer effektiven Belastung von etwa 30 Prozent kämpfen.
Dazu kommt die Bürokratie, die in Deutschland jeden Investor zur Verzweiflung treibt. Marko Graf von der IHK Osnabrück bringt es auf den Punkt: Investoren bekommen in Deutschland zu selten den „roten Teppich" ausgerollt. In Ungarn hingegen gibt es schnelle Genehmigungsverfahren, Steuererleichterungen und günstiges Bauland.
Serbien: Die Exportplattform vor den Toren Europas
Selbst Serbien, das nicht einmal zur EU gehört, zieht deutsche Unternehmen magnetisch an. Continental eröffnete 2023 bei Novi Sad eine Elektronikfabrik, ZF betreibt seit 2019 ein Werk in Pančevo. Der entscheidende Vorteil: Serbien verfügt über Freihandelsabkommen mit der EU, der Eurasischen Wirtschaftsunion, der Türkei, Großbritannien und seit Oktober 2023 auch mit China. Waren aus Serbien gelangen zollfrei in gigantische Absatzmärkte.
Das Versagen der Politik
Was wir hier erleben, ist das Ergebnis jahrelanger politischer Fehlentscheidungen. Hohe Energiepreise, erdrückende Bürokratie, überbordende Abgaben – Deutschland hat sich selbst zum unattraktivsten Industriestandort Europas degradiert. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat zwar vollmundige Versprechen gemacht, doch die Abwanderungswelle rollt ungebremst weiter.
Für viele Vorstände ergibt sich aus der nüchternen Analyse nur eine Schlussfolgerung: Raus aus Deutschland, rein nach Osteuropa. Mit jedem Werk, das schließt, mit jedem Zulieferer, der abwandert, verliert Deutschland nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch industrielles Know-how, das über Generationen aufgebaut wurde. Die Deindustrialisierung ist kein Schreckgespenst mehr – sie ist längst Realität. Und die politisch Verantwortlichen schauen tatenlos zu, während das industrielle Herz Deutschlands aufhört zu schlagen.

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