
Hotelbranche schlägt zurück: Milliardenschwere Klage gegen Booking-Monopol
Die europäische Hotelbranche hat genug. Nach zwei Jahrzehnten der Knebelung durch das niederländische Buchungsportal Booking.com formiert sich nun massiver Widerstand. Mehr als 10.000 Hotels haben sich zu einer historischen Sammelklage zusammengeschlossen, die das Geschäftsmodell des Quasi-Monopolisten erschüttern könnte. Es geht um nichts weniger als die Rückforderung von Milliarden, die durch kartellrechtswidrige Praktiken verloren gingen.
Das Ende der digitalen Leibeigenschaft
Was sich wie ein David-gegen-Goliath-Kampf anhört, hat durchaus realistische Erfolgsaussichten. Der Europäische Gerichtshof hatte im Herbst 2024 geurteilt, dass die berüchtigten Bestpreisklauseln von Booking.com gegen das Kartellrecht verstoßen. Diese perfiden Vertragsklauseln zwangen Hotels jahrelang dazu, ihre Zimmer nirgendwo günstiger anzubieten als auf der Plattform des Buchungsgiganten – nicht einmal auf der eigenen Hotelwebsite.
Die Mechanik dieser digitalen Knebelung war so simpel wie effektiv: Wollte ein Hotel seine Zimmer direkt an Gäste verkaufen, durfte es diese nicht unter dem Booking-Preis anbieten. Gleichzeitig kassierte das Portal satte Provisionen von bis zu 20 Prozent für jede Buchung. Ein Teufelskreis, der die Hotellerie in eine fatale Abhängigkeit trieb.
Marktmacht als Waffe
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Mit einem Marktanteil von über 72 Prozent in Deutschland hat sich Booking.com eine nahezu unangreifbare Position verschafft. Gleichzeitig sank der Anteil der Direktbuchungen bei deutschen Hotels zwischen 2013 und 2023 um mehr als acht Prozent. Die Plattform wurde zum unverzichtbaren Nadelöhr, durch das fast jeder Hotelgast musste.
"Europäische Hoteliers haben lange unter unfairen Bedingungen und überhöhten Kosten gelitten"
So bringt es Alexandros Vassilikos, Präsident der europäischen Hotelallianz Hotrec, auf den Punkt. Die Sammelklage sende eine unmissverständliche Botschaft: Die Zeit der Unterwerfung sei vorbei.
Der Preis der Monopolstellung
Während die Hotelbranche ächzte, feierte Booking.com Rekordgewinne. Allein im zweiten Quartal 2025 kletterte der Umsatz um 16 Prozent auf schwindelerregende 6,8 Milliarden Dollar. Ein Viertel aller Buchungen stammt mittlerweile aus Asien, wo wohlhabende chinesische Touristen das Geschäft befeuern. Die Ironie dabei: Während deutsche Hotels um jeden Gast kämpfen müssen, schwimmt der niederländische Konzern in Geld.
Die nun eingereichte Klage zielt darauf ab, Schadenersatz für den gesamten Zeitraum von 2004 bis 2024 zu erhalten. Bei geschätzten Provisionseinnahmen von mehreren hundert Milliarden Euro über zwei Jahrzehnte könnte es um eine Summe gehen, die selbst für einen Konzern wie Booking.com schmerzhaft wäre.
Späte Gerechtigkeit oder vergebliche Hoffnung?
Dass die Klage vor einem niederländischen Gericht verhandelt wird, mag zunächst skeptisch stimmen. Schließlich sitzt Booking.com in Amsterdam. Doch der Wind hat sich gedreht. Mit dem Digital Markets Act hat die EU endlich die regulatorischen Zähne gezeigt, die sie jahrelang vermissen ließ. Die Bestpreisklauseln mussten bereits 2024 fallen – ein erster Sieg für die gebeutelte Hotelbranche.
Die überwältigende Resonanz auf die Sammelklage zeigt, wie groß der Leidensdruck in der Branche ist. Markus Luthe, Hauptgeschäftsführer des deutschen Hotelverbands IHA, spricht von einem "überwältigenden Zuspruch". Die Anmeldefrist wurde sogar bis Ende August verlängert, um allen betroffenen Hotels die Teilnahme zu ermöglichen.
Ein Präzedenzfall mit Signalwirkung
Was hier auf dem Spiel steht, geht weit über die Hotelbranche hinaus. Es ist ein Kampf gegen die Allmacht digitaler Plattformen, die sich zwischen Anbieter und Kunden schieben und dabei satte Provisionen kassieren. Ein Erfolg der Hotels könnte andere Branchen ermutigen, sich ebenfalls gegen die Knebelverträge der Tech-Giganten zu wehren.
Die Zeiten, in denen amerikanische und mittlerweile auch asiatische Tech-Konzerne ungestraft den europäischen Markt dominieren konnten, neigen sich dem Ende zu. Europa beginnt endlich, seine wirtschaftliche Souveränität zu verteidigen. Die Hotelklage gegen Booking.com könnte dabei zu einem wichtigen Meilenstein werden – ein Signal, dass sich europäische Unternehmen nicht länger wie digitale Leibeigene behandeln lassen.
Für Verbraucher mag sich kurzfristig wenig ändern. Langfristig jedoch könnte mehr Wettbewerb zu faireren Preisen und besseren Konditionen führen. Wenn Hotels wieder direkt mit ihren Gästen verhandeln können, ohne die Knute der Plattformen fürchten zu müssen, profitieren am Ende alle – außer natürlich die Aktionäre von Booking.com.
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