
Handwerk in Not: Jeder sechste Betrieb im Raum Halle rechnet mit dem Aus!

Alarm im Handwerk im Süden Sachsen-Anhalts: Jeder sechste befragte Betriebsinhaber geht davon aus, seinen Betrieb in den kommenden Jahren schließen zu müssen. Das zeigt die jüngste Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Halle. Kammerpräsident Thomas Keindorf nimmt dabei nicht nur die Politik ins Visier. Er geht auch mit einer Gesellschaft ins Gericht, die ihren Kindern lieber „erstmal irgendwas studieren“ rät als einen Meisterbrief.
Die Statistik täuscht: Es schwinden die Bau-Profis
Auf den ersten Blick wirkt alles stabil. Zum 30. September waren im Kammerbezirk 12.882 Betriebe eingetragen, gerade einmal drei weniger als ein Jahr zuvor. Doch diese Zahl ist trügerisch.
Schaut man genauer hin, zeigt sich ein Strukturwandel, der Hausbesitzern Sorgen machen dürfte. Allein Fliesenleger, Maurer sowie Installateure und Heizungsbauer kommen zusammen auf 109 Betriebe weniger. Bei den Fliesenlegern sind es minus 63, bei den Maurern minus 25, bei den Heizungsbauern minus 21. Kosmetikstudios (plus 55) und Gebäudereiniger (plus 87) wachsen dagegen. Zusammengerechnet verloren die zulassungspflichtigen Gewerke 215 Betriebe. Zuwächse gab es nur bei zulassungsfreien und handwerksähnlichen Betrieben.
Ausgerechnet jetzt, wo die Bundesregierung bei Heizungen und Sanierungen viel von den Bürgern verlangt, gehen also die Fachleute aus, die genau diese Arbeit erledigen. Das hat schon fast etwas Ironisches.
Hinter den Kulissen: Ein ständiges Kommen und Gehen
Dass die Gesamtzahl kaum schwankt, liegt an der hohen Fluktuation. Laut Kammer kamen im vergangenen Jahr 903 Betriebe neu hinzu, 1.097 wurden gelöscht. In den ersten neun Monaten dieses Jahres standen 783 Neueintragungen 653 Löschungen gegenüber. Als Gründe nennt die Kammer Insolvenzen, Krankheit und Todesfälle. Zuletzt seien aber auch häufiger „wirtschaftliche Gründe“ angegeben worden.
Auch die übrige Stimmung ist schlecht. Nur 5 Prozent der Betriebe rechnen für das vierte Quartal mit besseren Geschäften. Im dritten Quartal ging der Umsatz der Kammer zufolge nominal um 8 Prozent zurück. Die Zahl der Beschäftigten sank im Vergleich zum Vorjahr um 1.500 auf 56.500.
Warum viele Übergaben scheitern
Dazu kommt die Frage, wer die Betriebe weiterführen soll. 14 Prozent der Unternehmer wollen in den nächsten drei Jahren übergeben, weitere 17 Prozent in den drei Jahren danach. 61 Prozent von ihnen hoffen auf einen Nachfolger aus der eigenen Familie.
Oft klappt das aber nicht. Von den Inhabern, deren Übergabepläne nicht aufgehen, halten 43 Prozent ihren Betrieb für ungeeignet. 40 Prozent nennen die schwierige Wirtschaftslage, 30 Prozent die starke Abhängigkeit vom bisherigen Chef. Dass schlicht kein passender Nachfolger da ist, sagen nur 27 Prozent. Mehrfachnennungen waren möglich.
„Nicht die Bürokraten erhalten das Land“
Keindorf sieht die Ursachen auch in der Haltung vieler Menschen zur Selbstständigkeit. Zu viele Eltern setzten auf das, was er „Erstmalirgendwasstudium“ nennt. Gleichzeitig machten Bürokratie, hohe Kosten und fehlende Fachkräfte das Führen eines eigenen Betriebs immer schwerer. Gegenüber der Berliner Zeitung sagte er:
„Denn nicht die Bürokraten erhalten das Land, sondern die Unternehmer.“
Von der Politik verlangt der Kammerpräsident deshalb:
- weniger Bürokratie sowie niedrigere Steuern und Abgaben
- Entscheidungen, auf die sich Betriebe langfristig verlassen können, vor allem auf Bundesebene
- einen besseren Wirtschaftsunterricht an Schulen, der auch den Weg in die Selbstständigkeit zeigt
- die Fortführung der Meistergründungsprämie des Landes
Diese Prämie zahlt Sachsen-Anhalt nach Angaben der Investitionsbank als Zuschuss von 10.000 Euro, wenn ein Meister einen Betrieb gründet oder übernimmt. Gemessen an Energiepreisen und Regulierung ist das eher wenig. Dass selbst dieser Betrag offenbar zur Debatte steht, sagt einiges über den Stellenwert des Handwerks aus.
Die schwarz-rote Koalition steht in der Pflicht
Bereits bei der Vorstellung der Quartalszahlen hatte Keindorf erklärt, die nötigen politischen Impulse für eine Besserung seien „nach wie vor nicht abzusehen“. Viele Betriebe sähen eher kleinteilige Regulierung und Aktionismus als langfristige Lösungen. Hinzu kommt: Das milliardenschwere Sondervermögen der Regierung Merz zeigt aus Sicht des Handwerks bislang kaum Wirkung. Bezahlen müssen es am Ende trotzdem die Steuerzahler, also auch die Betriebe selbst.
Wenn die Gesellschaft das Studium als Normalfall betrachtet und das Handwerk als Notlösung, darf sie sich über fehlende Fliesenleger und lange Wartezeiten beim Heizungsbauer nicht wundern.
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