
Gasturbinen-Renaissance: Wie der KI-Hunger ausgerechnet fossile Technik zum Milliardengeschäft macht
Es gibt Momente, in denen die Realität der politischen Ideologie eine schallende Ohrfeige verpasst. Der jüngste Quartalsbericht von Siemens Energy ist ein solcher Moment. Ausgerechnet jene Technologie, die von grünen Visionären jahrelang als auslaufendes Modell abgestempelt wurde – die Gasturbine –, erlebt einen Boom, der selbst hartgesottene Branchenkenner staunen lässt. Der Nettogewinn hat sich verdreifacht, der Auftragseingang stieg um satte 34 Prozent auf 17,6 Milliarden Euro. Willkommen in der Wirklichkeit.
Vom Sorgenkind zum Goldesel
Noch vor wenigen Jahren stand Siemens Energy mit dem Rücken zur Wand. Das Windgeschäft, einst als strahlende Zukunft des Konzerns gepriesen, fraß Milliarden. 2023 musste der Dax-Konzern sogar staatliche Garantien beantragen – ein demütigender Gang nach Canossa für ein Unternehmen dieser Größenordnung. Die Windkraftsparte, politisch gewollt und subventioniert bis zum Exzess, erwies sich als finanzielles Fass ohne Boden.
Und nun? Nun rettet ausgerechnet die totgesagte Gasturbine den Konzern. Vorstandschef Christian Bruch sprach von einer „sehr hohen Nachfrage". Allein im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres seien Aufträge für rund 100 neue Gasturbinen eingegangen. Über das gesamte Jahr 2025 hätten sich die Bestellungen auf etwa 200 Anlagen summiert. Das operative Ergebnis verdoppelte sich auf rund eine Milliarde Euro. Zahlen, die für sich sprechen.
Der unstillbare Stromhunger der künstlichen Intelligenz
Was treibt diesen Boom? Es ist nicht etwa eine plötzliche Rückbesinnung auf energiepolitische Vernunft – obwohl man sich das wünschen würde. Nein, es ist der gigantische Energiebedarf der Künstlichen Intelligenz. Rechenzentren, Cloud-Infrastruktur, die allgegenwärtige Digitalisierung – all das verschlingt Strom in einem Ausmaß, das noch vor wenigen Jahren kaum jemand prognostiziert hätte. Rund ein Viertel der neuen Aufträge bei Siemens Energy hänge direkt mit dem Bau neuer Datencenter zusammen, so Bruch.
Und hier wird es pikant: Wer glaubt, diese Rechenzentren ließen sich allein mit Windrädern und Solarpanelen betreiben, der lebt in einer Fantasiewelt. KI-Systeme brauchen Strom rund um die Uhr – verlässlich, konstant, wetterunabhängig. Genau das können erneuerbare Energien in ihrer jetzigen Form schlicht nicht leisten. Das Stichwort „Dunkelflaute" ist längst kein theoretisches Konstrukt mehr, sondern bittere Realität, die Deutschland regelmäßig heimsucht.
Die USA machen vor, was Deutschland sich nicht traut
Während hierzulande noch immer ideologische Grabenkämpfe um jedes einzelne Gaskraftwerk geführt werden, bauen die Vereinigten Staaten unter Präsident Trump in atemberaubendem Tempo neue Gaskraftwerke. Es ist der stärkste Ausbau weltweit. Pragmatismus statt Dogmatismus – ein Konzept, das der deutschen Politik offenbar fremd geworden ist. Immerhin: Auch in Deutschland sollen Kapazitäten von rund zehn Gigawatt entstehen, allerdings nur als „Reserve". Man traut sich nicht einmal, offen zuzugeben, dass Gas auf absehbare Zeit unverzichtbar bleibt.
Deutschlands Infrastruktur-Desaster
Die Ironie könnte kaum größer sein. Während Siemens Energy mit Gasturbinen Milliarden verdient, kämpft Deutschland gleichzeitig mit seiner eigenen maroden Gaslogistik. Vor Rügen muss das leistungsstärkste Mehrzweckschiff der Bundeswasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung die vereiste Fahrrinne zum LNG-Terminal freibrechen, damit überhaupt noch Tanker anlegen können. Die Gasspeicherstände sinken bedenklich. Stromhunger, Gasabhängigkeit und eine chronisch vernachlässigte Infrastruktur kollidieren mit Wetter, Markt und Geopolitik.
Man erinnere sich: Es war die Vorgängerregierung unter Olaf Scholz, die nach dem Beginn des Ukraine-Krieges in hektischer Betriebsamkeit LNG-Terminals aus dem Boden stampfen ließ – nachdem man sich zuvor sehenden Auges in eine fatale Abhängigkeit von russischem Gas manövriert hatte. Die Bilder von Scholz neben Siemens-Energy-Chef Bruch an der für Nord Stream 1 gewarteten Turbine in Kanada wirken heute wie ein Mahnmal politischen Versagens.
Die Internationale Energieagentur bestätigt den Trend
Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass der weltweite Gasbedarf nicht etwa kurzfristig einbrechen werde, sondern erst in den 2040er-Jahren seinen Höhepunkt erreiche. China, der Nahe Osten, die USA – überall setzt man auf einen pragmatischen Energiemix aus fossilen und erneuerbaren Quellen. Nur in Deutschland glaubte man lange, man könne gleichzeitig aus Kernkraft und fossilen Energien aussteigen und trotzdem eine der größten Volkswirtschaften der Welt am Laufen halten. Ein Experiment, dessen Kosten der deutsche Steuerzahler noch Jahrzehnte spüren wird.
Die unbequeme Wahrheit
Was der Erfolg von Siemens Energy im Gasturbinengeschäft letztlich offenbart, ist eine fundamentale Fehleinschätzung der deutschen Energiepolitik. Jahrelang wurde die Gasturbine als bloße „Brückentechnologie" abgetan, als notwendiges Übel auf dem Weg in eine vermeintlich rein erneuerbare Zukunft. Nun wird sie zum Stabilitätsanker eines digitalen Zeitalters, das immer mehr Strom braucht – und zwar verlässlich, nicht nur dann, wenn der Wind weht oder die Sonne scheint.
Es gehört zu den wenigen Lichtblicken der deutschen Industrielandschaft, dass Siemens Energy zu der Handvoll Hersteller weltweit gehört, die große Kraftwerksturbinen liefern können. In einer Zeit, in der Deutschland industriell zunehmend an Boden verliert, ist dies ein Pfund, mit dem man wuchern sollte – statt es ideologisch kleinzureden.
Vielleicht, nur vielleicht, beginnt sich auch in der neuen Großen Koalition unter Friedrich Merz die Erkenntnis durchzusetzen, dass ein Stromsystem rund um die Uhr funktionieren muss. Unabhängig vom politischen Wunschbild. Unabhängig von grünen Träumereien. Die Zahlen von Siemens Energy sprechen jedenfalls eine unmissverständliche Sprache.
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