
Europas Chemieindustrie vor dem Kollaps: Wie der Green Deal einen ganzen Kontinent deindustrialisiert
Was sich derzeit in Europas Chemiesektor abspielt, ist nichts weniger als ein industrieller Kahlschlag in Zeitlupe. Innerhalb weniger Jahre sind knapp zehn Prozent der gesamten Produktionskapazität auf dem alten Kontinent verschwunden – unwiederbringlich. Die Chefs der größten Chemieunternehmen schlagen nun Alarm und warnen vor Konsequenzen, die weit über ihre Branche hinausreichen. Doch in Brüssel scheint man das Ausmaß der Katastrophe noch immer nicht begriffen zu haben.
Ein Sektor am Abgrund
Die Zahlen sprechen eine erschreckend deutliche Sprache. Laut Katarzyna Byczkowska, der Chefin von BASF Polen, seien in den vergangenen drei Jahren rund neun Prozent der chemischen Produktionskapazitäten in Europa liquidiert worden. Allein in den Jahren 2023 und 2024 habe die europäische Chemieindustrie um 14 Prozent geschrumpft. Währenddessen wachse die chemische Produktion in China, Russland und den Vereinigten Staaten munter weiter. Man muss sich diese Asymmetrie auf der Zunge zergehen lassen: Europa schrumpft, während der Rest der Welt expandiert.
Der Chemiesektor macht etwa sieben Prozent der gesamten EU-Industrie aus und generiert über eine Million direkte Arbeitsplätze – mit dem Drei- bis Fünffachen an indirekten Beschäftigungsverhältnissen, vorwiegend in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Was hier auf dem Spiel steht, ist also nicht irgendeine Nischenbranche, sondern ein tragender Pfeiler der europäischen Wirtschaftsarchitektur.
„Wir spielen ein anderes Spiel – auf demselben Spielfeld"
Kamil Majczak, Vorstandschef von Qemetica, brachte das Dilemma bei einer von Siemens organisierten Branchendebatte auf den Punkt: Europa spiele nach völlig anderen Regeln als der Rest der Welt, befinde sich aber auf demselben Spielfeld. „Wir fangen an zu verlieren", so seine nüchterne Bilanz. Europa glaube noch immer, es könne anderen seine Regeln aufzwingen, während China, die USA und Indien die Welt als Expansionsfeld betrachteten und systematisch Märkte übernähmen.
Besonders entlarvend ist Majczaks Hinweis auf die Naivität europäischer Klimapolitik: Man könne nicht erwarten, dass Entwicklungsländer plötzlich alles „grün" und dreimal teurer produzierten, nur weil Europa dies für richtig halte. Eine Feststellung, die in ihrer Schlichtheit geradezu bestechend ist – und die man in den Brüsseler Amtsstuben offenbar als Ketzerei betrachtet.
Wenn Fabriken schließen, kommen sie nicht zurück
Die Konsequenzen der explodierenden Kosten seien bereits greifbar, betont Majczak. Immer mehr Werke schlössen in Europa, und manche Unternehmen hätten die letzten zwei bis drei Jahre nur überlebt, weil sie von früheren Gewinnen zehren konnten. „Dieser Puffer geht zur Neige, und wenn ein Werk einmal schließt, öffnet es nicht wieder. Die Menschen gehen, die Produktionskapazitäten verschwinden, und sie kehren nicht nach ein oder zwei Jahren zurück." Das ist keine Panikmache – das ist industrielle Realität.
Energiekosten als Sargnagel
Im Bereich der Düngemittelproduktion macht der Gaspreis 75 bis 80 Prozent der Herstellungskosten aus. Europa, einst Exporteur, ist längst zum Importeur geworden und gezwungen, deutlich teurere Energiequellen zu nutzen. Für Unternehmen wie die polnische Grupa Azoty ist das eine existenzielle Bedrohung.
Byczkowska von BASF erinnert daran, dass Gas in den USA zeitweise vier- bis sechsmal günstiger gewesen sei als in Europa. Die Unterschiede bei den Energiekosten schlügen sich unmittelbar in den Gewinn- und Verlustrechnungen europäischer und amerikanischer Werke nieder. Hinzu kämen die CO2-Emissionsgebühren, die laut Majczak außerhalb Europas – mit Ausnahme eines spezifischen Systems in Kalifornien – praktisch nicht existierten.
Man muss sich das vergegenwärtigen: Europäische Unternehmen kämpfen nicht nur gegen billigere asiatische Konkurrenz, sondern gleichzeitig gegen eine Regulierungslawine, die ihnen von der eigenen Politik aufgebürdet wird. Ein Zweifrontenkrieg, den auf Dauer niemand gewinnen kann.
Regulierungswahn frisst Innovation
Die Branchenvertreter betonen ausdrücklich, dass sie die grundsätzliche Richtung der Dekarbonisierung nicht infrage stellten – wohl aber das Tempo, den Umfang und die Struktur der regulatorischen Belastungen. Und hier wird es geradezu grotesk: Byczkowska schildert, wie allein die Änderung der Schriftart auf Chemikalienetiketten im Rahmen der EU-CLP-Verordnung ihr Unternehmen über 300 Millionen Euro zu kosten drohte, bevor nach einem Jahr intensiver Verhandlungen einige Bestimmungen zurückgezogen wurden. Dreihundert Millionen Euro – für eine Schriftart. Man könnte lachen, wenn es nicht so tragisch wäre.
Noch alarmierender ist die strukturelle Dimension: In Europa werde bereits doppelt so viel für die Einhaltung regulatorischer Vorschriften ausgegeben wie für Forschung und Entwicklung, so die BASF-Chefin. Auf dem gesamten Kontinent habe dies zu einem Rückgang der F&E-Ausgaben um acht Prozent geführt, während in China und den USA die Investitionen in Innovation Jahr für Jahr stiegen. Europa reguliert sich also buchstäblich die Zukunft weg.
Der Green Deal – geboren in einer anderen Welt
Paweł Bielski, Vizepräsident der Grupa Azoty, macht auf einen entscheidenden Punkt aufmerksam: Das EU-Klimapaket und die Elemente von „Fit for 55" seien unter völlig anderen Bedingungen entwickelt worden als jenen, unter denen die Industrie heute operiere. Der Green Deal sei verabschiedet worden, als niemand die Pandemie, den Krieg in der Ukraine oder die rapide Veränderung der europäischen Energiebilanz einkalkuliert habe. Die Richtung der Dekarbonisierung werde zwar bestehen bleiben, doch die Regeln selbst müssten dringend angepasst werden.
Ein symbolisches Beispiel ist das ETS-System, der Emissionshandel. Die kostenlosen Zertifikate schrumpften jedes Jahr, und Unternehmen seien schlicht nicht in der Lage, in Krisenzeiten und bei blockierten Neuinvestitionen jährlich eine weitere Milliarde Euro für den Kauf von Zertifikaten aufzubringen. „Wir brauchen jemanden, der aufhört, uns noch fester zu würgen", so Byczkowska in bemerkenswerter Deutlichkeit.
China übernimmt – Europa schaut zu
Der Zusammenprall zwischen europäischen Klimaambitionen und den Realitäten des globalen Wettbewerbs zeigt sich am schärfsten im Vergleich mit der asiatischen Produktion. China habe in den vergangenen Jahren gewaltige, moderne Produktionskapazitäten aufgebaut, um den eigenen Markt zu bedienen. Doch die Verlangsamung der Binnennachfrage habe einen erheblichen Teil dieser Kapazitäten für den Export freigesetzt. Mit billigerer Energie und weniger restriktiven Regulierungen drängten chinesische Produzenten aggressiv auf den europäischen Markt – von Düngemitteln bis zu Kunststoffen.
Bielski weist darauf hin, dass Europa bis vor kurzem noch eine starke Polymerindustrie besessen habe, einschließlich der Produktion von Polyamiden für die Automobil-, Bau- und Verpackungsindustrie. Heute sei Chinas Dominanz in vielen Segmenten erdrückend – in einem davon befänden sich bereits 67 Prozent der weltweiten Produktionskapazität in China. Ein ähnlicher Trend zeichne sich bei Düngemitteln ab: Massive Anlagen würden in Russland, den USA und den Golfstaaten errichtet, die ihre Produktion nicht vollständig im Inland verbrauchen, sondern unter anderem nach Europa lenken würden.
Ein Weckruf, der verhallen könnte
Was wir hier beobachten, ist die schleichende Deindustrialisierung eines ganzen Kontinents – angetrieben nicht von Marktversagen, sondern von politischem Versagen. Der Green Deal, einst als Leuchtturmprojekt europäischer Klimapolitik gefeiert, entpuppt sich zunehmend als Mühlstein um den Hals der europäischen Industrie. Während Brüssel an seinen ideologisch motivierten Regulierungen festhält, wandern Arbeitsplätze, Know-how und Produktionskapazitäten in Länder ab, die pragmatischer denken.
Auch Deutschland, einst stolze Industrienation, bekommt die Folgen dieser Politik mit voller Wucht zu spüren. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz hat zwar versprochen, die Wirtschaft wieder in den Mittelpunkt zu rücken, doch das 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen und die im Grundgesetz verankerte Klimaneutralität bis 2045 lassen Zweifel aufkommen, ob man den Ernst der Lage wirklich erkannt hat. Schulden machen und gleichzeitig die Industrie mit immer neuen Auflagen belasten – das ist kein Rezept für Wohlstand, sondern für den Niedergang.
Die Warnung der Chemie-CEOs sollte als das verstanden werden, was sie ist: ein letzter Hilferuf, bevor es zu spät ist. Denn wenn die Chemieindustrie verschwindet, reißt sie ganze Wertschöpfungsketten mit sich – von der Landwirtschaft über die Automobilindustrie bis zur Pharmabranche. In einer solchen Welt wird Europa nicht mehr Regeln setzen, sondern Regeln empfangen. Von China, von den USA, von den Golfstaaten. Ob das die grünen Architekten des Green Deal in ihren Brüsseler Büros jemals bedacht haben, darf bezweifelt werden.
„Wir können nicht erwarten, dass Entwicklungsländer plötzlich alles grün und dreimal teurer machen, nur weil wir denken, dass es das Richtige ist." – Kamil Majczak, CEO Qemetica
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