
Erst gefeuert, dann gewählt: Erzieherin düpiert Caritas und CDU

Sechs Jahre lang betreute Kerstin Zimmermann (43) Kinder in einem Sonderkindergarten der Caritas in Salzgitter. Am 7. September 2026 war Schluss – fristlose Kündigung. Der Grund war nach Angaben Zimmermanns und ihres Anwalts weder Diebstahl noch Pflichtverletzung, sondern ihre Kandidatur auf einer AfD-Liste für den Ortsrat Salzgitter West.
Keine Woche später zogen die Wähler ihre eigenen Schlüsse: Zimmermann wurde in den Ortsrat gewählt. Parteimitglied ist sie nach eigenen Angaben nicht.
Ein Ultimatum statt eines Gesprächs
Nach Darstellung der Erzieherin und ihres Rechtsanwalts habe es weder Beanstandungen im Arbeitsalltag noch einen ergebnisoffenen Dialog gegeben. Stattdessen sei ihr ein klares Entweder-oder gestellt worden: Verzicht auf die Kandidatur oder fristlose Entlassung. Der Anwalt hat Kündigungsschutzklage eingereicht.
Zimmermann selbst verweist bitter auf die Selbstbeschreibung ihrer früheren Einrichtung, in der von Vielfalt, Toleranz und bedingungsloser Teilhabe die Rede sei. Für das Verhältnis des Verbandes zu den eigenen Mitarbeitern gelte das offenbar nicht, so ihr Vorwurf.
Der Caritasverband hat sich in dem uns vorliegenden Bericht nicht öffentlich zu den Details geäußert. Für die Wirksamkeit der Kündigung entscheidend dürfte sein, ob sich eine konkrete Pflichtverletzung benennen lässt – die kirchliche Grundordnung im Bistum Hildesheim stellt seit Januar 2023 auf außerdienstliches Verhalten ab, das grundlegende kirchliche Werte verletzt und die Glaubwürdigkeit beschädigt. Ob eine bloße Listenkandidatur diese Hürde nimmt, werden die Arbeitsgerichte klären müssen.
Die Quittung an der Wahlurne
Politisch geriet die Angelegenheit zum Bumerang. Zimmermann und ihr Lebenspartner Mario Kapser holten mit der AfD-Liste im Ortsrat West 3.123 Stimmen – 27,77 Prozent. Die CDU kam in Gebhardshagen, Calbecht, Engerode und Heerte auf 1.658 Stimmen und 14,75 Prozent.
Auf die beiden Bewerber entfielen persönlich 396 und 393 Stimmen. Rechnerisch hätte das Ergebnis für vier Sitze gereicht – die Liste hatte schlicht zu wenige Kandidaten.
Auch stadtweit ist Salzgitter nach der niedersächsischen Kommunalwahl vom 13. September 2026 ein Sonderfall: Laut den von öffentlich-rechtlichen Medien veröffentlichten Zahlen wurde die AfD im Stadtrat mit rund 27,4 Prozent stärkste Kraft, vor der SPD mit 25,9 und der CDU mit 23,2 Prozent. Landesweit blieb die Union vorn, die AfD verdreifachte Berichten zufolge ihr Ergebnis.
Wenn Wohlfahrt zur Gesinnungsfrage wird
Der Fall wirft eine Frage auf, die weit über Salzgitter hinausreicht. Wohlfahrtsverbände wie die Caritas finanzieren sich ganz überwiegend aus öffentlichen Mitteln – also aus dem Geld aller Steuerzahler, auch jener rund 27 Prozent in Salzgitter, die AfD gewählt haben.
Zimmermanns Anwalt fragt öffentlich, welche Botschaft ein christlicher Träger damit an diese Bürger sende, an Angehörige betreuter Menschen und an Heimbewohner. Er kündigte an, seine Mandantin an ihren Arbeitsplatz zurückklagen zu wollen.
Aus Sicht unserer Redaktion steht hier mehr auf dem Spiel als ein Arbeitsvertrag: die schlichte Frage, ob eine demokratisch zulässige Kandidatur in Deutschland noch ohne berufliche Vernichtung möglich ist. Medienberichten zufolge ist es bereits der zweite bekannte kirchliche Kündigungsfall dieser Art in Niedersachsen.
Hinweis: Dieser Beitrag gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechtsberatung und keine Steuerberatung dar. Für die rechtliche Bewertung eines Einzelfalls wenden Sie sich bitte an einen zugelassenen Rechtsanwalt.
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