
Eine Million Euro – und niemand griff zu: Berlins Stromnetz-Terroristen bleiben Phantome
Es klingt wie ein schlechter Witz, ist aber bittere Realität: Eine volle Million Euro Belohnung – und kein einziger brauchbarer Hinweis. Am Dienstag verstrich die Frist für die vom Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) ausgelobte Rekordsumme, die zur Ergreifung der Brandstifter führen sollte, die am 3. Januar das Berliner Stromnetz sabotierten. Das Ergebnis? Ernüchternd. Beschämend. Und ein Offenbarungseid für den deutschen Sicherheitsapparat.
Der längste Stromausfall seit dem Zweiten Weltkrieg
Was sich Anfang Januar im Berliner Südwesten abspielte, war kein gewöhnlicher Blackout. Unbekannte zündeten an einer Kabelbrücke über dem Teltowkanal nahe dem Kraftwerk Lichterfelde gezielt Brandsätze. Die Folge: Rund 45.000 Haushalte und über 2.200 Gewerbebetriebe – insgesamt mehr als 100.000 Menschen – saßen bis zu fünf Tage lang im Dunkeln. Bei Minustemperaturen. Alte Menschen, Familien mit Kleinkindern, Kranke – sie alle waren der Kälte und dem Chaos schutzlos ausgeliefert. Es war der längste Stromausfall in der deutschen Hauptstadt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen.
Zu dem Anschlag bekannte sich die sogenannte „Vulkangruppe", eine linksextremistische Zelle, die bereits im September 2025 in Treptow-Köpenick einen ähnlichen Brandanschlag auf die Stromversorgung verübt hatte und dabei zehntausende Haushalte vom Netz trennte. Dass dieselbe Gruppierung offenbar unbehelligt ein zweites Mal zuschlagen konnte, wirft Fragen auf, die weit über den konkreten Fall hinausreichen.
Dobrindts Hoffnung – und die kalte Dusche der Realität
Ende Januar übernahm die Bundesanwaltschaft die Terror-Ermittlungen. Dobrindt setzte die Millionenbelohnung aus und zeigte sich zunächst optimistisch. Es habe „viele Hinweise" gegeben, ließ er verlauten. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland erklärte der Minister, in der linksextremistischen Szene gebe es „sehr unterschiedliche Einschätzungen über den Erfolg des Anschlags". Er hoffte, dass jemand aus dem Umfeld der Täter den Mund aufmachen würde. Für eine Million Euro.
Doch diese Hoffnung erwies sich als naiv – geradezu rührend naiv. Denn die Täter agieren in hochkonspirativ organisierten Kleingruppen, die sich konsequent von der Außenwelt abschotten. Sie nehmen ihre Telefone nie zum Tatort mit, schalten sie regelmäßig aus und machen es den Ermittlern damit nahezu unmöglich, sogenannte „Staatstrojaner" – also Spionagesoftware zum Abhören verschlüsselter Kommunikation – aufzuspielen. Die Bundesanwaltschaft wollte sich am Dienstag nicht einmal dazu äußern, wie viele Hinweise überhaupt eingegangen seien. Vielsagend.
Warum der Staat an linksextremen Terrorzellen scheitert
Die Gründe für das Ermittlungsdesaster sind so simpel wie erschreckend. Zwar hätten Fahnder durchaus Hinweise auf bestimmte Personen, heißt es aus Sicherheitskreisen. Mehrere Observationen seien durchgeführt worden. Doch die Belege reichten bislang nicht für eine Festnahme. Die Mitglieder der Vulkangruppe seien, so ein Ermittler, „äußerst professionell und vorsichtig".
Noch gravierender: Das Einschleusen verdeckter Ermittler oder das Anwerben von V-Leuten innerhalb dieser Strukturen gestalte sich als nahezu unmöglich. Denn wer als „Neuer" in solche Zellen aufgenommen werden will, muss zunächst eine Mutprobe bestehen – in der Regel eine Straftat, etwa eine Brandstiftung. Und genau hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Laut geltender Vorschrift dürfen weder Polizei noch Verfassungsschutz ihre V-Leute oder verdeckten Ermittler führen, sobald diese selbst Straftaten begehen. Ein bürokratisches Paradoxon, das Terroristen in die Hände spielt.
Feuer als perfekte Spurenvernichtung
Hinzu kommt ein weiteres, fast zynisch anmutendes Detail: Die Linksextremisten setzen ganz bewusst auf Feuer als Tatmittel. Nicht nur wegen der verheerenden Wirkung auf kritische Infrastruktur, sondern weil die Hitze sämtliche DNA-Spuren zerstört – Hautschuppen, Speicheltropfen, Haare. Was die Kriminaltechnik anbelangt, hinterlassen die Täter praktisch ein steriles Trümmerfeld.
So wissen Verfassungsschutz und polizeilicher Staatsschutz nach Monaten der Ermittlung lediglich, dass die Verantwortlichen dem Spektrum der Öko-Anarchisten zuzuordnen seien. Das ist ungefähr so präzise wie die Feststellung, dass es sich bei dem Täter um einen Menschen handelt.
Ein Symptom des Staatsversagens
Dieser Fall ist weit mehr als eine gescheiterte Fahndung. Er ist ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass der deutsche Staat seine Bürger nicht mehr zuverlässig schützen kann – weder vor islamistischem Terror noch vor linksextremistischer Gewalt. Während die politische Klasse sich jahrelang fast ausschließlich auf die Bedrohung von rechts konzentrierte, wuchsen im linken Spektrum Strukturen heran, die offenbar in der Lage sind, die kritische Infrastruktur einer Millionenmetropole lahmzulegen. Und das nicht einmal, sondern gleich zweimal innerhalb weniger Monate.
Dass über 100.000 Berliner tagelang bei Minusgraden ohne Strom ausharren mussten, hätte eigentlich einen politischen Aufschrei auslösen müssen. Stattdessen herrschte nach dem ersten Entsetzen schnell wieder Business as usual. Keine grundlegende Debatte über den Schutz kritischer Infrastruktur, keine ehrliche Auseinandersetzung mit der wachsenden linksextremistischen Bedrohung, keine Konsequenzen für die offensichtlichen Defizite im Sicherheitsapparat.
„Das Stromnetz kann man nicht vollständig sichern"
Dieser Satz, der nach dem Anschlag die Runde machte, mag technisch korrekt sein. Aber er darf nicht als Ausrede dienen. Denn wenn ein Staat es nicht einmal schafft, seine elementarste Infrastruktur zu schützen – die Stromversorgung seiner Bürger –, dann hat er ein fundamentales Problem. Die Millionenbelohnung war letztlich nichts anderes als ein Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit, verpackt in eine große Geste. Und die Tatsache, dass niemand zugriff, macht die Sache nur noch bitterer.
Die Bürger dieses Landes haben ein Recht darauf, dass ihr Staat sie schützt. Vor Messerstechern auf offener Straße ebenso wie vor Terroristen, die ganze Stadtviertel ins Dunkel stürzen. Es ist höchste Zeit, dass die Verantwortlichen in Berlin – und damit ist nicht nur die Landesregierung gemeint – aufwachen und handeln. Bevor die nächste Zelle zuschlägt. Und bevor die nächste Million Euro unabgeholt verfällt.












