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Kettner Edelmetalle
22.01.2026
09:18 Uhr

Deutschlands Stahlindustrie im freien Fall: Produktion auf Krisenniveau von 2009

Die Zahlen sprechen eine erschreckend deutliche Sprache. Mit gerade einmal 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl hat die deutsche Stahlindustrie im vergangenen Jahr einen Tiefpunkt erreicht, den man seit der verheerenden Finanzkrise 2009 nicht mehr gesehen hat. Ein Rückgang von neun Prozent gegenüber dem ohnehin bereits katastrophalen Vorjahr – und ein weiteres Kapitel im Niedergang des einstigen Industriestandorts Deutschland.

Kapazitätsauslastung unter kritischer Schwelle

Besonders alarmierend ist die Kapazitätsauslastung der deutschen Stahlwerke, die mittlerweile unter die magische Grenze von 70 Prozent gefallen ist. Für eine energieintensive Branche wie die Stahlindustrie bedeutet dies nichts Geringeres als einen permanenten Kampf ums wirtschaftliche Überleben. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl bezeichnet diesen Wert als „kritisch" – eine Untertreibung, die der dramatischen Lage kaum gerecht wird.

Seit 2018 wurde die Schwelle von 40 Millionen Tonnen, die als Mindestmaß für eine auskömmliche Produktion gilt, bereits sechsmal unterschritten. Was einst als vorübergehende Delle galt, hat sich längst zu einem strukturellen Problem ausgewachsen. Die Branche befindet sich, wie der Verband nüchtern feststellt, „auf Rezessionsniveau" – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Ein toxischer Cocktail aus hausgemachten Problemen

Die Ursachen für diesen industriellen Niedergang sind vielfältig, doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind größtenteils politisch verschuldet. Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, benennt die Faktoren schonungslos: eine historisch schwache Nachfrage, ein ungebremst wachsender Importdruck und – hier liegt der eigentliche Skandal – international nicht wettbewerbsfähige Energiepreise.

Während deutsche Stahlkocher mit astronomischen Stromkosten kämpfen, produzieren Konkurrenten in Asien zu einem Bruchteil der Kosten. Das Ergebnis dieser verfehlten Energiepolitik lässt sich in einer einzigen Zahl zusammenfassen: Mittlerweile stammt jede dritte in der EU eingesetzte Tonne Stahl aus dem Nicht-EU-Ausland. Die Deindustrialisierung Deutschlands schreitet unaufhaltsam voran.

Politische Versprechen ohne Substanz

Zwar hätten Bundesregierung und EU-Kommission im vergangenen Jahr begonnen, Gegenmaßnahmen einzuleiten, so der Branchenverband. Doch die ernüchternde Bilanz lautet: „Umgesetzt ist noch lange nichts." Während in Berlin und Brüssel endlose Debatten geführt werden, sterben deutsche Industriearbeitsplätze einen leisen Tod. Die Marktversorgung lag mit hochgerechneten 30 Millionen Tonnen erneut unter dem bereits niedrigen Durchschnitt der vergangenen vier Jahre.

Globale Überkapazitäten und amerikanischer Protektionismus

Als wäre die Lage nicht bereits prekär genug, verschärfen globale Entwicklungen die Krise zusätzlich. Massive Überkapazitäten, insbesondere in Asien, drücken die Preise und überschwemmen die europäischen Märkte mit billigem Stahl. Hinzu kommt die aggressive Zollpolitik der USA unter Präsident Trump, die europäische Stahlexporteure zusätzlich unter Druck setzt.

Die Forderungen der Branche sind klar: eine zügige Umsetzung wirksamer Schutzinstrumente und vor allem eine Lösung der Energiefrage. Die derzeit nicht wettbewerbsfähigen Strompreise seien nicht nur eine hohe Belastung, sondern auch ein zentraler Hemmschuh für den Umbau zur Klimaneutralität. Ein Teufelskreis, aus dem es ohne grundlegende politische Kurskorrektur kein Entrinnen gibt.

2026 – Das Jahr der Entscheidung?

„Das Jahr 2026 muss das Jahr der Standortsicherung werden", fordert Rippel. Doch angesichts der bisherigen Untätigkeit der Politik erscheint diese Hoffnung fast naiv. Die neue Bundesregierung unter Friedrich Merz steht vor der gewaltigen Aufgabe, den industriellen Niedergang zu stoppen – sofern sie dazu überhaupt willens und in der Lage ist.

Die deutsche Stahlindustrie war einst ein Symbol für wirtschaftliche Stärke und technologische Exzellenz. Heute ist sie ein Mahnmal für politisches Versagen, ideologische Verblendung und die systematische Zerstörung industrieller Wertschöpfung. Ob sich dieser Trend noch umkehren lässt, wird sich zeigen. Die Zeit drängt – und sie läuft gegen Deutschland.

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