
Chemnitz verheizt den Wald? 100.000 Tonnen Holz für zehn Prozent Wärme!

In Chemnitz ist am 19. Oktober 2026 der Grundstein für ein neues Holzheizkraftwerk gelegt worden. Ab Ende 2027 soll die Anlage an der Mauersberger Straße rund zehn Prozent der städtischen Fernwärme liefern. Dafür braucht sie jedes Jahr 100.000 Tonnen Holz, und das 20 Jahre lang.
Gefeiert wird das Projekt als Schritt weg von fossilen Brennstoffen. Was die Festredner kaum ansprechen: Woher soll dieser gewaltige Nachschub eigentlich dauerhaft kommen?
Zwei Millionen Tonnen und eine offene Rechnung
Über die Vertragslaufzeit summiert sich der Bedarf auf zwei Millionen Tonnen Holz. Rechnet man mit zwei Tonnen Frischholz pro ausgewachsenem Baum, sind das rund eine Million Bäume. Etwa 90 Prozent des Brennstoffs sollen aus einem Umkreis von 250 Kilometern stammen, also gut 1,8 Millionen Tonnen regionales Holz.
Gebaut und betrieben wird das Kraftwerk vom niederländischen Unternehmen HoSt. Grundlage ist ein Wärmeliefervertrag mit dem mehrheitlich kommunalen Versorger eins energie in sachsen. Laut Betreiber hat der Kessel eine Nennleistung von 31 Megawatt. Er soll 16 bis 18 Megawatt Wärme und bis zu 7 Megawatt Strom liefern.
Verbrannt werden sollen nach Angaben von HoSt Waldrestholz, Landschaftspflegematerial und Straßenbaumschnitt. Das klingt nach Abfall, der ohnehin herumliegt. Doch auch diese Reste gibt es nicht unbegrenzt. Sägewerke, bestehende Biomassekraftwerke und private Kaminbesitzer greifen längst auf denselben Rohstoff zu. Eine belastbare, öffentlich nachvollziehbare Mengenbilanz fehlt bislang.
Der deutsche Wald ist schon angeschlagen
Der Zeitpunkt könnte kaum schlechter sein. Laut der vierten Bundeswaldinventur ist der jährliche Holzzuwachs um 16 Prozent gesunken. Dürre, Borkenkäfer und das Absterben ganzer Fichtenbestände haben Spuren hinterlassen. Zwischen 2017 und 2022 verlor der Wald zudem erhebliche Mengen an gespeichertem Kohlenstoff.
Dazu kommt ein ökologischer Haken. Totholz, Äste und Kronenmaterial sind keineswegs wertlos: Sie liefern Nährstoffe, bilden Humus und bieten unzähligen Tierarten Lebensraum. Wer sie in großem Stil aus dem Wald holt, greift in den natürlichen Kreislauf ein, und das ausgerechnet dann, wenn sich die Bestände erholen müssten.
Und wenn die Reste nicht reichen?
HoSt betont, keine hochwertigen Sägeholzstämme verbrennen zu wollen. Kritiker halten dagegen, dass eine dauerhaft hohe Nachfrage die Preise und damit die Anreize verändere. Wird Restholz knapp und teuer, wächst der Druck, auch mehr gesunde Bäume zu fällen. Die Umweltorganisation Robin Wood hat das Projekt bereits als klimaschädlich kritisiert.
Grüner Strom auf Kosten der Allgemeinheit
Die Betreiber werben mit stabilen Fernwärmepreisen und verweisen auf den mitproduzierten Strom. Den vergütet das Erneuerbare-Energien-Gesetz, also letztlich die Allgemeinheit. Ein kaufmännischer Geschäftsführer von eins sagt dazu:
„Durch den Einsatz EEG-konformer Biomasse wird die Wärmeversorgung unserer Kund*innen schrittweise unabhängiger von fossilen Energieträgern, was sowohl für die Versorgungssicherheit als auch die Preisstabilität vorteilhaft ist.“
Eine Förderung schafft allerdings kein zusätzliches Holz. Niedrige Brennstoffpreise über zwei Jahrzehnte garantiert sie ebenfalls nicht. Wird Holz knapp, kippt die schöne Kalkulation, und am Ende zahlen womöglich die Chemnitzer Haushalte die Zeche.
Ein Vergleich drängt sich auf. Großwärmepumpen, industrielle Abwärme oder Geothermie kommen ohne ständigen Nachschub aus dem Wald aus. Ob sie vor Ort genauso geeignet gewesen wären, müsste ehrlich geprüft werden. Öffentlich vorgelegt wurde ein solcher Vergleich bisher nicht.
Erst bauen, dann rechnen?
Das Muster kennt man aus der deutschen Energiewende: Erst wird gebaut und gefeiert, über die Rohstoffbasis wird später gestritten. Bäume brauchen Jahrzehnte, um zu wachsen, im Kessel verschwinden sie in wenigen Stunden. Das Kohlendioxid, das sie lange gespeichert haben, wird dabei sofort wieder frei.
Eine solide Wärmeversorgung müsste nachweisen, dass ihr Brennstoff dauerhaft vorhanden ist, und zwar vor dem ersten Spatenstich. In Chemnitz läuft es umgekehrt. Ob die Wälder in der Region diese Wette 20 Jahre lang durchhalten, kann derzeit niemand seriös sagen.
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