
Chaos auf Chinas Straßen: Massiver Systemausfall legt über hundert Robotaxis lahm
Was passiert, wenn man die Kontrolle über den Straßenverkehr an künstliche Intelligenz abgibt? Die Antwort lieferte diese Woche die chinesische Millionenmetropole Wuhan – und sie fiel verheerend aus. Ein massiver Systemausfall legte über hundert selbstfahrende Taxis des chinesischen Technologieriesen Baidu lahm. Die Fahrzeuge blieben mitten im fließenden Verkehr stehen, blockierten Autobahnen und verursachten mindestens drei Unfälle. Ein Vorfall, der als einer der bislang gravierendsten Zwischenfälle mit autonomen Fahrzeugen in die Geschichte eingehen dürfte.
Geisterautos auf der Überholspur
Die Bilder, die in den sozialen Medien kursierten, sprechen eine deutliche Sprache. Ein Dashcam-Video zeigt, wie ein Fahrer innerhalb von nur 90 Minuten an mindestens 16 der sogenannten Apollo-Go-Robotaxis vorbeifährt, die regungslos auf der Fahrbahn stehen. Manche blockierten innerstädtische Straßen, andere standen auf Autobahnen – teilweise auf der Überholspur. Man stelle sich das einmal vor: Tonnenschwere Fahrzeuge ohne jegliche menschliche Kontrolle, die plötzlich zu leblosen Hindernissen auf Hochgeschwindigkeitsstrecken werden.
Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten. Mindestens drei Kollisionen wurden dokumentiert. Ein Autofahrer berichtete auf der chinesischen Plattform RedNote, er sei auf eines der liegengebliebenen Robotaxis aufgefahren, nachdem das Fahrzeug vor ihm in letzter Sekunde die Spur gewechselt habe, um dem plötzlichen Hindernis auszuweichen. Ihm selbst sei kaum Reaktionszeit geblieben. Weitere Videos zeigten einen Kleinbus, der auf das Heck eines Baidu-Taxis geprallt war. Dass bei diesem Chaos keine Schwerverletzten oder gar Toten zu beklagen waren, grenzt an ein Wunder.
Fahrgäste als Geiseln der Technik
Besonders erschreckend ist das Schicksal der Passagiere, die sich zum Zeitpunkt des Ausfalls in den Fahrzeugen befanden. Eine Frau schilderte, wie sie mit zwei Freunden 90 Minuten lang in einem der führerlosen Taxis festsaß. Das Fahrzeug habe vier- bis fünfmal angehalten, bevor es schließlich vor einer Kreuzung zum Stehen kam. Ein Bildschirm im Inneren forderte die Insassen auf, zu warten – ein Unternehmensvertreter werde in „fünf Minuten" eintreffen. Niemand kam. Eine halbe Stunde verbrachten die Eingeschlossenen damit, den Kundendienst zu erreichen – vergeblich. Am Ende verließen sie das nicht verriegelte Fahrzeug auf eigene Faust.
Noch absurder mutet die Erfahrung eines anderen Fahrgastes an, der den SOS-Knopf in der Robotaxi-App drückte – nur um die Meldung zu erhalten, dieser sei „nicht verfügbar". Die rhetorische Frage des Betroffenen bringt das ganze Dilemma auf den Punkt:
„Wozu dient das SOS dann überhaupt?"
Eine berechtigte Frage, auf die Baidu bislang keine Antwort geliefert hat. Der Konzern reagierte auf Medienanfragen schlicht gar nicht. Die Behörden in Wuhan erklärten lediglich, der Vorfall sei „wahrscheinlich durch eine Systemstörung verursacht" worden und werde untersucht. Laut einem Verkehrspolizisten waren mindestens 100 Apollo-Go-Fahrzeuge betroffen.
Kein Einzelfall – auch der Westen ist betroffen
Wer nun glaubt, derartige Vorfälle seien ein rein chinesisches Problem, irrt gewaltig. Bereits im Dezember erlebte der US-amerikanische Robotaxi-Marktführer Waymo in San Francisco eine noch größere Katastrophe. Ein Stromausfall in der kalifornischen Metropole führte dazu, dass Hunderte seiner autonomen Fahrzeuge, die ohne funktionierende Ampeln orientierungslos waren, auf den Straßen liegen blieben. Die Waymo-Fahrzeuge stauten sich an Kreuzungen, blockierten Straßen und – besonders brisant – behinderten Rettungsfahrzeuge. Das Unternehmen musste Mitarbeiter entsenden, um 64 gestrandete Robotaxis physisch abzuholen. Insgesamt blieben die Fahrzeuge während des Ausfalls fast 1.600 Mal für zwei Minuten oder länger stehen.
Der blinde Fortschrittsglaube rächt sich
Was diese Vorfälle offenbaren, ist weit mehr als ein technisches Problem. Sie sind ein Symptom einer Gesellschaft, die in ihrem blinden Fortschrittsglauben fundamentale Sicherheitsfragen ignoriert. Die Begeisterung für künstliche Intelligenz, für autonomes Fahren, für die schöne neue Welt der Digitalisierung hat längst religiöse Züge angenommen. Kritische Stimmen werden als technikfeindlich abgetan, Bedenkenträger belächelt. Doch wenn über hundert führerlose Fahrzeuge gleichzeitig auf Autobahnen zum Stehen kommen, ist das kein Fortschritt – das ist fahrlässige Gefährdung von Menschenleben.
Man darf sich durchaus fragen, ob die politischen Entscheidungsträger – auch hierzulande – die richtigen Lehren aus solchen Vorfällen ziehen werden. In Deutschland, wo man sich gerade mit einem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für Infrastruktur verschuldet und gleichzeitig die Klimaneutralität bis 2045 im Grundgesetz verankert hat, dürfte die Versuchung groß sein, auf den Zug der autonomen Mobilität aufzuspringen. Schließlich passt das wunderbar in die Erzählung von der grünen Verkehrswende. Dass dabei elementare Fragen der Sicherheit, der Haftung und der technischen Zuverlässigkeit unter den Tisch fallen könnten, überrascht angesichts der politischen Prioritätensetzung der vergangenen Jahre kaum noch.
Die Technologie des autonomen Fahrens mag irgendwann ausgereift sein. Doch der aktuelle Stand zeigt unmissverständlich: Wir sind noch lange nicht so weit. Und bis dahin sollte man vielleicht dem gesunden Menschenverstand – und dem Menschen am Steuer – den Vorzug geben vor einer künstlichen Intelligenz, die bei der erstbesten Systemstörung kapituliert. Denn eines hat die Geschichte immer wieder gezeigt: Wer Sicherheit gegen vermeintlichen Fortschritt eintauscht, verliert am Ende beides.

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