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22.01.2026
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Carneys Davos-Rede: Wenn Kanada der Welt erklärt, dass die alte Ordnung tot ist

Carneys Davos-Rede: Wenn Kanada der Welt erklärt, dass die alte Ordnung tot ist

Es war eine jener Reden, die man in Davos selten hört – zumindest nicht von einem Politiker, der noch im Amt ist. Kanadas Premierminister Mark Carney trat am 20. Januar 2026 vor die versammelte Weltwirtschaftselite und verkündete mit bemerkenswerter Direktheit: Die regelbasierte internationale Ordnung, jenes heilige Mantra westlicher Außenpolitik, sei nichts weiter als eine „angenehme Fiktion" gewesen. Eine Fiktion, die nun unwiderruflich zu Ende gehe.

Der Gemüsehändler und die Lüge des Systems

Carney bediente sich dabei einer Parabel des tschechischen Dissidenten Václav Havel. Jeden Morgen, so Havel, stellte ein Gemüsehändler im kommunistischen Prag ein Schild ins Fenster: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch." Nicht weil er daran glaubte – niemand tat das –, sondern um Ärger zu vermeiden, um Gefügigkeit zu signalisieren. Das System hielt sich nicht durch Gewalt allein, sondern durch die kollektive Bereitschaft, an einer Lüge teilzunehmen.

„Es ist an der Zeit, dass Unternehmen und Länder ihre Schilder abnehmen", forderte Carney. Eine bemerkenswerte Aussage, bedenkt man, dass sie ausgerechnet beim Weltwirtschaftsforum fiel – jenem Ort, an dem das Ritual der globalistischen Selbstvergewisserung seit Jahrzehnten zelebriert wird.

Die unbequeme Wahrheit über die „regelbasierte Ordnung"

Was Carney dann aussprach, dürfte manchem Zuhörer die Champagnerlaune verdorben haben: Die vielgepriesene regelbasierte Ordnung war nie das, was sie vorgab zu sein. Die Stärksten nahmen sich bei Bedarf aus. Handelsregeln wurden asymmetrisch durchgesetzt. Das Völkerrecht galt je nach Identität des Beschuldigten mit unterschiedlicher Strenge. Man wusste es, man profitierte davon, man schwieg.

„Dieser Handel funktioniert nicht mehr", konstatierte der kanadische Premier nüchtern. Großmächte hätten begonnen, wirtschaftliche Verflechtung als Waffe einzusetzen – Zölle als Hebel, Finanzinfrastruktur als Zwangsmittel, Lieferketten als auszunutzende Verwundbarkeiten. Man kann nicht in der Lüge des gegenseitigen Nutzens leben, wenn die Integration zur Quelle der eigenen Unterordnung wird.

Kanadas Antwort: Wertebasierter Realismus statt naiver Multilateralismus

Doch Carney kam nicht nur, um zu klagen. Er präsentierte Kanadas neuen Kurs – einen „wertebasierten Realismus", wie ihn Finnlands Präsident Alexander Stubb genannt habe. Prinzipientreu in den Grundwerten: Souveränität, territoriale Integrität, Achtung der Menschenrechte. Pragmatisch in der Umsetzung: breites Engagement, offene Augen, keine Illusionen.

Die Bilanz, die Carney aufzählte, ist beeindruckend – zumindest auf dem Papier: Steuersenkungen auf Einkommen, Kapitalgewinne und Unternehmensinvestitionen. Beseitigung aller bundesstaatlichen Handelshindernisse. Investitionen von einer Billion Dollar in Energie, künstliche Intelligenz und kritische Mineralien. Verdopplung der Verteidigungsausgaben bis Ende des Jahrzehnts. Zwölf neue Handels- und Sicherheitsabkommen in sechs Monaten. Strategische Partnerschaften mit der EU, China und Katar.

Die Warnung an die Mittelmächte

Besonders eindringlich war Carneys Appell an die sogenannten Mittelmächte – jene Länder, die weder Großmacht noch Kleinstaat sind. „Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte", warnte er. Wer nur bilateral mit einem Hegemon verhandle, verhandle aus der Schwäche heraus. Man nehme an, was geboten werde. Man konkurriere miteinander darum, am gefälligsten zu sein. „Das ist keine Souveränität. Es ist die Aufführung von Souveränität, während Unterordnung akzeptiert wird."

Eine Welt der Festungen werde ärmer, fragiler und weniger nachhaltig sein, so Carney. Doch die Kosten strategischer Autonomie könnten geteilt werden. Gemeinsame Investitionen in Resilienz seien billiger, als wenn jeder seine eigene Festung baue.

Was Deutschland von Kanada lernen könnte – und vermutlich nicht wird

Man mag von Carneys Rede halten, was man will. Man mag einwenden, dass ausgerechnet Kanada – das Land, das während der Corona-Zeit Bankkonten von Demonstranten einfrieren ließ und Kritiker mit drakonischen Maßnahmen überzog – sich nun als Hüter der Menschenrechte geriert. Die Ironie entgeht niemandem, der die Trucker-Proteste von 2022 noch in Erinnerung hat.

Dennoch enthält diese Rede eine Botschaft, die gerade für Deutschland von brennender Aktualität sein sollte. Während Carney von strategischer Autonomie, Energiesicherheit und der Stärkung heimischer Industrien spricht, verharrt die deutsche Politik in einer Mischung aus Nostalgie und Realitätsverweigerung. Die neue Große Koalition unter Friedrich Merz hat zwar ein 500-Milliarden-Sondervermögen beschlossen – doch wohin das Geld fließt und ob es Deutschland tatsächlich unabhängiger macht, steht auf einem anderen Blatt.

„Nostalgie ist keine Strategie", sagte Carney in Davos. Ein Satz, den man sich in Berlin einrahmen sollte. Denn während Kanada – bei aller berechtigten Kritik an seiner innenpolitischen Bilanz – zumindest den Versuch unternimmt, sich auf eine veränderte Welt einzustellen, klammert sich Deutschland an Gewissheiten, die längst keine mehr sind. Die transatlantische Partnerschaft, die europäische Integration, der freie Welthandel – all das steht unter Druck wie nie zuvor. Und wer glaubt, dass die alte Ordnung zurückkehrt, wenn man nur lange genug wartet, der hat Carneys Botschaft nicht verstanden.

„Wir wissen, dass die alte Ordnung nicht zurückkehrt. Wir sollten ihr nicht nachtrauern."

Ob Kanada seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden kann, wird die Zukunft zeigen. Ob Deutschland überhaupt Ansprüche formuliert, die über das Verwalten des Niedergangs hinausgehen, ist die eigentliche Frage.

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