
Bundeswehr-Milliarden für Wien: Warum deutsche Lkw in Österreich rollen

Deutschland rüstet auf, doch in Wien wird gebaut. Im Rheinmetall-Werk in Wien-Liesing laufen derzeit militärische Lastwagen für die Bundeswehr vom Band. Grund ist ein Auftrag über mehr als eine Milliarde Euro. Ende September führte Konzernchef Armin Papperger die österreichische Staatsspitze durch die Hallen. Für die Gäste aus Wien war es ein Termin mit lauter guten Nachrichten. Aus deutscher Sicht bleibt dagegen eine unbequeme Frage offen.
Alle 45 Minuten ein Takt für die Truppe
In Liesing arbeiten die Montagelinien im 45-Minuten-Takt. Auf einer Linie zählt die Stückzahl, auf der anderen entstehen anspruchsvollere Fahrzeuge wie die schwere Sattelzugmaschine HX81. Am Ende werden Fahrerhaus und Fahrgestell zusammengesetzt. In der Branche nennt man das seit Jahrzehnten liebevoll „Verheiratung“.
Zu Besuch waren Bundeskanzler Christian Stocker, Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer und der designierte Generalstabschef Harald Vodosek. Es gab einen Rundgang, eine Ansprache an die Belegschaft und Statements für die Presse. Mit Grund: Wien ist das größte Werk von Rheinmetall MAN Military Vehicles (RMMV). Laut Konzern ist es sogar die größte Fabrik für Militär-Lkw in ganz Europa.
Die Zahlen hinter dem Boom
Das Werk beschäftigt rund 1.500 Menschen, darunter 71 Lehrlinge. Rheinmetall zufolge liegt die Kapazität bei 4.000 bis 4.500 Lkw pro Jahr. Derzeit verlassen täglich 15 Fahrzeuge die Hallen. Die meisten gehören zur HX-Familie. Diese Trucks sind modular aufgebaut und dienen als Wechsellader, Bergefahrzeug, Schwerlastzug oder als Plattform für Radar, Artillerie und Flugabwehr.
Ende Mai rief die Bundeswehr aus einem bestehenden Rahmenvertrag über 2.000 ungeschützte Transportfahrzeuge ab. Das Volumen: 1,015 Milliarden Euro. Etwa die Hälfte davon sind 8x8-Fahrzeuge, der Rest verteilt sich auf 4x4- und 6x6-Varianten. Insgesamt erlaubt der Vertrag bis zu 6.500 Fahrzeuge.
Deutsches Geld, österreichische Jobs
Die Milliarden aus Berlin stammen zu einem großen Teil aus neuen Schulden, denn Verteidigungsausgaben sind inzwischen weitgehend von der Schuldenbremse ausgenommen. Bezahlen werden das also auch die deutschen Steuerzahler von morgen. Gleichzeitig schließen hierzulande Autofabriken. Die Stellen, die mit diesem Geld entstehen, liegen allerdings in Liesing und nicht in Wolfsburg oder Zwickau. Man kann das europäische Arbeitsteilung nennen. Viele Beschäftigte in der deutschen Autoindustrie dürften es anders sehen.
Papperger will 50 Milliarden Euro Umsatz
Der Konzern plant groß. Bis 2030 soll der Jahresumsatz auf rund 50 Milliarden Euro steigen. Das Jahr 2026 lief aber nicht ohne Rückschlag. Nachdem das Fregattenprogramm F126 gestoppt wurde, senkte Rheinmetall im August seine Prognose von 14 bis 14,5 auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro. Nach Angaben des Unternehmens kostet allein das Aus der F126 in diesem Jahr bis zu 300 Millionen Euro Umsatz.
Gleichzeitig baut Rheinmetall sehr schnell. Das Munitionswerk in Unterlüß entstand in etwa 15 Monaten. Im Juli gingen von dort die ersten 155-Millimeter-Geschosse an die Ukraine. In Rumänien soll zusammen mit Pirochim Victoria für über 500 Millionen Euro ein Werk für Treibladungen entstehen. Auch in Litauen wächst der Konzern. Mit dem Kauf der Werftengruppe NVL, zu der unter anderem Blohm+Voss gehört, will Rheinmetall zum „Systemhaus“ werden. Nach den Worten des Kommunikationschefs Philipp von Brandenstein will man kein bloßer „Stahlbieger“ sein.
Digitale Probleme beim Leopard
Nicht alles läuft rund. Beim Digitalisierungsprojekt D-LBO lief ein Test mit knapp 50 Plattformen im Juli zwar grundsätzlich. Bei Leopard-2-Kampfpanzern kam es in dynamischen Lagen jedoch zu Funkstörungen und Verbindungsabbrüchen. Nach Angaben der Bundeswehr hinkt die Serienintegration dem Zeitplan hinterher.
Keine Rettung für die Autoindustrie
Wer glaubt, die Rüstung werde die kriselnde Autobranche auffangen, liegt falsch. Von Brandenstein zufolge kann die Rüstungsindustrie zwar Personal, Flächen und Know-how übernehmen, aber längst nicht jeden wegfallenden Autojob ersetzen. Die Stückzahlen sind schlicht nicht vergleichbar. In Neuss und Berlin-Wedding stellt Rheinmetall frühere Zulieferwerke auf Militärproduktion um. Das VW-Werk in Osnabrück lehnte der Konzern im März 2026 dagegen ab. Die Erweiterung für den gefragten Boxer findet stattdessen in Kassel statt.
Das Fazit ist ernüchternd: Die Zeitenwende bringt der Rüstungsindustrie Rekordaufträge. Einen Plan für den Industriestandort Deutschland ersetzt sie nicht. Die Politik in Berlin sollte sich darum kümmern, dass mit den Schulden von heute auch in Deutschland Wohlstand entsteht und nicht nur Zinsen.
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