
Brandmauer-Posse in Biebesheim: Wenn die CDU ihre eigenen Mitglieder fĂŒr demokratisches Verhalten bestraft

In der sĂŒdhessischen Gemeinde Biebesheim spielt sich derzeit ein LehrstĂŒck ĂŒber den Zustand der innerparteilichen Demokratie in der CDU ab. Was war geschehen? Bei der Wahl zum Gemeindevorstand hatten Vertreter der Christdemokraten gemeinsam mit der AfD fĂŒr eine gemeinsame Liste votiert â und damit der drittstĂ€rksten Kraft in der Kommune erstmals einen Sitz im Gremium verschafft. Eine ganz normale demokratische Mehrheitsbildung, möchte man meinen. Doch in der Welt der sogenannten Brandmauer kommt dieser Vorgang offenbar einem politischen Hochverrat gleich.
Parteiausschlussverfahren als Reaktion auf demokratisches Handeln
Der CDU-Kreisverband GroĂ-Gerau reagierte umgehend mit der schwersten parteiinternen Waffe: Gegen die beteiligten Kommunalpolitiker wurde ein Parteiausschlussverfahren eingeleitet. Kreisvorsitzender Stefan Sauer lieĂ keinen Zweifel an seiner Haltung aufkommen. Der Vorstand dulde keinerlei Zusammenarbeit mit der AfD, das Verhalten werde âunmittelbare Folgen" haben, so Sauer in einer Mitteilung, ĂŒber die die FAZ berichtete.
Was war der konkrete Anlass fĂŒr diesen Eklat? Bei der jĂŒngsten Kommunalwahl in Biebesheim hatte die AfD ein bemerkenswertes Ergebnis eingefahren und sich hinter SPD und CDU als drittstĂ€rkste Kraft etabliert. In der konstituierenden Sitzung der Gemeindevertretung prĂ€sentierten zunĂ€chst SPD, GrĂŒne und Freie WĂ€hler eine gemeinsame Liste, wĂ€hrend CDU und AfD jeweils eigene VorschlĂ€ge einbrachten. Nach einer Sitzungsunterbrechung kam dann jene gemeinsame Liste beider Fraktionen zustande, die nun fĂŒr so viel Aufregung sorgt. Das Resultat: Ein AfD-Kandidat zog in den Gemeindevorstand ein, der Posten des Ersten Beigeordneten ging hingegen an einen SPD-Politiker.
Wenn WÀhlerstimmen plötzlich zweiter Klasse sind
Die VorgĂ€nge in Biebesheim werfen eine grundsĂ€tzliche Frage auf: Was sagt es ĂŒber den Zustand einer Partei aus, die ihre eigenen MandatstrĂ€ger ausschlieĂen will, weil diese in einem kommunalen Gremium pragmatisch gehandelt haben? Die BĂŒrger von Biebesheim haben die AfD demokratisch gewĂ€hlt â sie ist drittstĂ€rkste Kraft. Doch nach der Logik der Berliner CDU-Spitze sollen jene WĂ€hlerstimmen offenbar weniger zĂ€hlen als andere. Ein bemerkenswertes DemokratieverstĂ€ndnis.
Besonders pikant wird die Sache vor dem Hintergrund der jĂŒngsten Umfragewerte: Die AfD klettert bundesweit auf Rekordmarken von 28 Prozent. Sollte die CDU tatsĂ€chlich konsequent jeden Kommunalpolitiker ausschlieĂen, der mit einer Partei zusammenarbeitet, die fast ein Drittel der WĂ€hler vertritt, dĂŒrfte die Personaldecke der Christdemokraten in vielen Regionen Deutschlands bald empfindlich dĂŒnn werden. In Biebesheim selbst könnte die CDU kĂŒnftig sogar ohne eigene Vertreter im Gemeindeparlament dastehen â ein politisches Eigentor sondergleichen.
Die Brandmauer als politisches SelbstbeschÀdigungsinstrument
Die RealitĂ€t in den Kommunen sieht ohnehin lĂ€ngst anders aus als die hochmoralischen Verlautbarungen aus den Parteizentralen. Auf kommunaler Ebene, wo es um konkrete Probleme der BĂŒrger geht â um KindergĂ€rten, StraĂen, MĂŒllabfuhr und BauantrĂ€ge â funktioniert ideologische Reinheitslehre nicht. Hier mĂŒssen Mehrheiten organisiert werden, hier zĂ€hlen pragmatische Lösungen. Die Kommunalpolitiker aus Biebesheim haben offenbar genau das getan, wofĂŒr sie gewĂ€hlt wurden: Sie haben Verantwortung ĂŒbernommen und Mehrheiten gebildet.
Die CDU-Bundesspitze unter Friedrich Merz tut sich keinen Gefallen, wenn sie weiterhin auf einem Kurs beharrt, der ihre eigenen MandatstrĂ€ger vor Ort vor unmögliche Entscheidungen stellt. WĂ€hrend die GroĂe Koalition mit der SPD bereits jetzt Risse zeigt â etwa beim Streit um neue Schulden zwischen Carsten Linnemann und Matthias Miersch â manövriert sich die Union mit ihrer Brandmauer-Politik in eine zunehmend absurde Position. Die Schnittmengen zwischen den WĂ€hlerschaften von Union und AfD sind enorm, das ist kein Geheimnis. Doch statt diese RealitĂ€t anzuerkennen, werden ausgerechnet jene Christdemokraten gemaĂregelt, die im kommunalen Alltag pragmatische Politik machen.
Die VorgĂ€nge in der sĂŒdhessischen Gemeinde sind kein Einzelfall, sondern symptomatisch fĂŒr ein viel grundsĂ€tzlicheres Problem: Eine Partei, die ihre eigenen Mitglieder fĂŒr demokratisches Verhalten bestraft, hat ein massives GlaubwĂŒrdigkeitsproblem. Die WĂ€hler werden sich ihre eigenen Gedanken machen.
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