
Brandbrief aus Übersee: Star-Ökonom Sachs warnt Merz vor dem Abgrund eines offenen Krieges mit Russland

Es ist ein Weckruf, der lauter kaum sein könnte – und er kommt ausgerechnet aus den Vereinigten Staaten. Der renommierte Ökonom und Diplomat Jeffrey D. Sachs, Professor an der Columbia University, hat sich in einem aufrüttelnden offenen Brief direkt an Bundeskanzler Friedrich Merz gewandt. Seine zentrale Botschaft: Berlin müsse endlich aufhören, Brandbeschleuniger zu spielen, und stattdessen das werden, was Deutschland angesichts seines historischen und wirtschaftlichen Gewichts eigentlich sein müsste – die Bremse vor einem Flächenbrand in Europa.
Eine Eskalation, die niemanden mehr kaltlassen darf
Sachs zeichnet ein düsteres Bild der vergangenen Tage. Ukrainische Langstreckendrohnen sollen tief in Moskau eingeschlagen sein, auch in zivile Ziele. Russische Raketen- und Drohnenangriffe auf Kiew hätten sich massiv verstärkt. Besonders alarmierend: Ukrainische Drohnen seien in den Luftraum baltischer NATO-Staaten eingedrungen – ein einziger Funke, so warnt Sachs, könne hier Europa direkt in den Krieg ziehen. Am 25. Mai habe Außenminister Lawrow Washington offiziell mitgeteilt, dass russische Streitkräfte nun „systematische und anhaltende Angriffe" auf Entscheidungszentren in Kiew durchführten. Moskau habe sogar empfohlen, diplomatisches Personal aus der ukrainischen Hauptstadt zu evakuieren. Klarer kann das Menetekel kaum geschrieben sein.
Ein Kanzler ohne Telefonhörer?
Mit gnadenloser Schärfe rechnet Sachs mit der diplomatischen Untätigkeit der Bundesregierung ab. Habe Merz in seiner gesamten Kanzlerschaft auch nur ein einziges substanzielles Gespräch mit Wladimir Putin geführt? Habe Berlin auch nur den Versuch unternommen, mit Lawrow einen ernsthaften Dialog zu beginnen – so wie es einst während des Kalten Krieges üblich war? Die Antwort, die Sachs liefert, ist ernüchternd: Nein. Nicht ein einziges Mal. Dabei hatte Merz selbst noch im Januar 2026 gemeinsam mit Meloni und Macron Russland als „europäisches Land" bezeichnet und eine Wiederannäherung in Aussicht gestellt. Worte, denen keine Taten folgten – ein Phänomen, das man in Berlin offenbar zur politischen Disziplin erhoben hat.
Sechs deutsche Sündenfälle gegenüber Moskau
Besonders bemerkenswert ist Sachs' historische Gesamtschau. Er listet sechs schwerwiegende Versäumnisse deutscher Außenpolitik seit der Wiedervereinigung auf. Beginnend mit den gebrochenen Zusicherungen zur NATO-Osterweiterung im Zuge des 2+4-Vertrages von 1990 – belegt durch freigegebene Akten des National Security Archive. Es folgt der von Angela Merkel in ihren Memoiren selbst eingeräumte Sündenfall des Bukarester Gipfels 2008, als sie wider besseres Wissen dem amerikanischen Druck nachgab und die NATO-Tür für Kiew und Tiflis aufstieß. Dann der Verrat am Abkommen vom 21. Februar 2014, das der damalige Außenminister Steinmeier mitvermittelt hatte – und das innerhalb von 24 Stunden Makulatur war, ohne dass Berlin auf seiner Einhaltung bestand. Es folgt das Minsk-II-Debakel, von Merkel später selbst als Hinhaltetaktik enttarnt. Und schließlich die wohl unrühmlichste Episode: die Sabotage von Nord Stream, ein Anschlag auf deutsche Infrastruktur, dessen Aufklärung Berlin bis heute schuldig geblieben ist. Sachs spricht in diesem Zusammenhang von einem Akt industrieller Sabotage gegen die deutsche Wirtschaft, der „ungestraft und unbeantwortet" geblieben sei. Hinzu kommt das geplatzte Istanbul-Abkommen vom April 2022, das nach Aussagen des ehemaligen israelischen Premiers Bennett zum Greifen nah war – torpediert durch eine Intervention aus Washington und London.
Industrieller Selbstmord auf deutsche Art
Sachs spart auch nicht mit harten Worten zur wirtschaftlichen Lage des einstigen Exportweltmeisters. Deutschland kaufe heute amerikanisches Flüssiggas zu einem Vielfachen des Preises russischen Pipelinegases – eine Form ökonomischer Selbstverstümmelung, wie sie in Friedenszeiten beispiellos sei. Chemie, Stahl, Glas, energieintensives Gewerbe – das Rückgrat des deutschen Mittelstands breche Stück für Stück weg. Qualifizierte Arbeitsplätze wanderten ab, das nationale Vermögen werde in historisch beispiellosem Ausmaß zu amerikanischen Gasproduzenten transferiert. Wer wollte ihm widersprechen, wenn er von einem „Transfer nationalen Vermögens" spricht, den der deutsche Steuerzahler und Verbraucher stillschweigend zu tragen habe?
500 Milliarden für Panzer – aber nichts für die Zukunft
Mit chirurgischer Präzision seziert Sachs auch die angeblich alternativlose Aufrüstungspolitik. Hunderte Milliarden Euro sollen in den kommenden Jahren in Rüstung fließen – Geld, das in der Digitalisierung, in der Halbleiterproduktion, in der Energieinfrastruktur und im KI-Sektor fehle. Während andere Wirtschaftsräume in die Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts investierten, kaufe Deutschland Panzer, Raketen und Artilleriegranaten, um sich auf einen Krieg vorzubereiten, der durch ernsthafte Diplomatie längst hätte verhindert werden können. Eine bitterere Diagnose über die Prioritätensetzung der Berliner Politik lässt sich kaum formulieren.
Sachs' Friedensformel
Was schlägt der Ökonom vor? Einen Verhandlungsfrieden auf Basis der Neutralität der Ukraine, einen dauerhaften Verzicht der NATO auf weitere Osterweiterung, eine Waffenstillstandslinie, einen gegenseitigen Gewaltverzicht und die Wiederaufnahme normaler Wirtschaftsbeziehungen zwischen Europa und Russland. Die OSZE solle wieder zum zentralen Forum europäischer Sicherheit werden – mit dem altbewährten Grundsatz, dass Sicherheit in Europa unteilbar sei und nicht auf konkurrierenden Militärblöcken beruhen dürfe. Erst dann könne Deutschland seine knappen Ressourcen wieder dort einsetzen, wo sie hingehörten: in Bildung, Forschung, Infrastruktur und industrielle Erneuerung.
Eine unbequeme Wahrheit
Sachs' Brief endet mit einer beinahe biblischen Mahnung: Die Geschichte werde sich erinnern – an das, was Merz in den kommenden Wochen tue, und vor allem an das, was er unterlasse. Es ist ein bemerkenswertes Dokument eines amerikanischen Intellektuellen, der dem deutschen Kanzler offenbar deutlicher die Leviten liest als die meisten Stimmen in der eigenen Republik. Dass dieser Appell ausgerechnet von einem Wissenschaftler aus New York kommen muss, während sich in Berlin die selbsternannten „Werte-Politiker" in markigen Sprüchen ergehen, ist ein Armutszeugnis für die hiesige politische Klasse. Denn wer trägt am Ende die Last der gescheiterten Diplomatie? Der deutsche Bürger – mit seinen Steuern, seiner Energierechnung, seiner wirtschaftlichen Zukunft und im schlimmsten Fall mit seinem Leben.
Was bleibt dem Bürger?
In Zeiten, in denen die politische Führung offenbar weder zur Diplomatie noch zur ökonomischen Vernunft fähig ist, in denen die Drucker der Notenbanken auf Hochtouren laufen, in denen 500-Milliarden-Sondervermögen verkündet werden und Aufrüstungsprogramme historischen Ausmaßes beschlossen werden, stellt sich für jeden Sparer und Vermögensbesitzer die Gretchenfrage: Wie schützt man sein Erspartes vor den Folgen einer Politik, die alle Bremsen gelöst zu haben scheint? Die Antwort, die Generationen vor uns kannten, hat ihre Gültigkeit nicht verloren. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber haben Kriege, Inflationen und Währungsreformen überdauert – und sie tun es bis heute. Wer sein Portefeuille klug streut, dürfte gut beraten sein, einen substantiellen Anteil in jener Anlageform zu halten, deren Wert keiner Berliner Eskalationsrhetorik und keinem Brüsseler Sanktionsregime zum Opfer fallen kann.
Hinweis: Die in diesem Artikel geäußerten Einschätzungen geben die Meinung unserer Redaktion sowie des zitierten Briefverfassers wieder. Wir betreiben keine Anlageberatung. Jeder Anleger ist für seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte sich vor einer Investition eigenständig informieren oder einen unabhängigen Berater konsultieren.

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