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Beben in Belgrad: Studenten stürzen Vucic – Ende einer Ära?

Beben in Belgrad: Studenten stürzen Vucic – Ende einer Ära?
Symbolbild: KI-generiert

Politisches Erdbeben auf dem Balkan: Bei der vorgezogenen Parlamentswahl in Serbien hat Aleksandar Vucic am Sonntagabend seine Niederlage eingestanden. Vorläufigen Hochrechnungen zufolge liegt die aus einer Protestbewegung entstandene „Studentenliste“ klar vor seiner Serbischen Fortschrittspartei (SNS). Nach rund zwölf Jahren an der Macht hat der starke Mann von Belgrad damit keine Mehrheit mehr.

„Wir haben verloren“ – und ein vergifteter Glückwunsch

Vor seinen Anhängern fand Vucic deutliche Worte: „Es ist klar, dass wir diese Wahl verloren haben.“ Internationalen Medienberichten zufolge nannte er auch Zahlen. Die Studentenliste komme demnach auf 135 bis 140 Sitze, sein eigenes Lager auf etwa 105. Andere Parteien hätten den Sprung ins Parlament nicht geschafft.

Ein Abgang mit Größe? Nicht ganz. Vucic „gratulierte“ ausgerechnet der Menschenrechtlerin Natasa Kandic. Deren Politik habe gesiegt, und zwar „unterstützt durch massive Hilfe von außen“, wie er sagte. Dabei steht Kandic gar nicht an der Spitze der Studentenliste. Bekannt ist sie für ihre Arbeit zur Aufarbeitung von Kriegsverbrechen aus den Jugoslawienkriegen. Bei nationalistischen Teilen der Bevölkerung ist sie deshalb verhasst. Beobachter dürften in dem Seitenhieb einen Versuch sehen, die eigene Niederlage nach außen abzuschieben.

Gerüchte, wonach er und seine Verbündeten nach einer Niederlage das Land verlassen würden, wies Vucic zurück. „Niemand wird irgendwohin fliehen“, erklärte er. Politisch aktiv bleiben wolle er weiterhin.

Der Schachzug, der nach hinten losging

Die Pointe: Die Wahl hat Vucic selbst angesetzt. Im September löste er die Nationalversammlung auf und trat als Präsident zurück. Sein erklärtes Ziel war es, nach der vorgezogenen Wahl als Ministerpräsident weiterzuregieren. Kritiker fühlten sich an Ämterwechsel erinnert, wie man sie aus Moskau kennt.

Statt Ruhe brachte der Plan neuen Zorn. Die Protestbewegung legte nach und hielt täglich Mahnwachen in der Hauptstadt ab. Zur letzten großen Kundgebung vor der Wahl kamen Berichten zufolge rund 150.000 Menschen nach Belgrad.

16 Tote als Auslöser

Angefangen hat alles mit einer Tragödie. Im November 2024 stürzte am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad das Vordach ein, 16 Menschen starben. Studenten wollten wissen, wer dafür verantwortlich ist. Hatten Korruption, Pfusch am Bau oder politische Einflussnahme eine Rolle gespielt?

Aus diesen Fragen wurde ein landesweiter Aufstand gegen Korruption und die Regierung Vucic, am Ende sogar eine eigene Wahlliste. Für viele Serben steht das eingestürzte Vordach seither für Filz und Schlamperei, die sie dem System Vucic vorwerfen.

Rekordbeteiligung, aber auch Schatten

Wie ernst es den Bürgern war, zeigte sich vor den Wahllokalen. Dort bildeten sich lange Schlangen, mancherorts sollen Wähler bis zu zwei Stunden gewartet haben. Die Meinungsforscher von CeSID und Ipsos gaben die Wahlbeteiligung am Abend mit rund 67,6 Prozent an. Das ist der höchste Wert seit dem Zerfall Jugoslawiens.

Ganz reibungslos lief der Wahltag trotzdem nicht. Es gab Berichte über Unregelmäßigkeiten und mutmaßlichen Stimmenkauf, der dem konservativen Regierungslager zugeschrieben wird. Bestätigt ist das bislang nicht.

Was jetzt auf Serbien – und Europa – zukommt

Die Studentenliste könnte nun die Regierung bilden. Dann muss eine junge Protestbewegung zeigen, dass sie nicht nur demonstrieren, sondern auch regieren kann. Leicht wird das nicht in einem Land, das seit Jahren zwischen dem Wunsch nach einem EU-Beitritt und engen Beziehungen zu Moskau und Peking hin- und herpendelt.

Auch Berlin schaut genau hin. Im Sommer 2024 hatte der damalige Kanzler Olaf Scholz in Belgrad eine Rohstoffpartnerschaft zwischen der EU und Serbien begleitet, bei der es vor allem um Lithium für Batterien ging. Eine neue Regierung bedeutet deshalb auch neue Unsicherheit für die deutsche Industrie.

Fest steht: Selbst ein scheinbar unerschütterlicher Machtapparat kann fallen, wenn Bürger an der Urne Rechenschaft verlangen. Ob Serbien der Neuanfang gelingt, ist offen. Die Ära Vucic hat an diesem Sonntag jedoch einen tiefen Riss bekommen.

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