
Autobombe, Drohnen, Rücktritt: Libyen wankt – und der Ölmarkt zittert

Innerhalb von rund 24 Stunden hat Libyen gleich drei Schockwellen erlebt: In Bengasi tötete eine Autobombe den Militärgeheimdienstchef des Ostens, Fawzi al-Mansouri. Westlich von Tripolis schlugen Drohnen in die größte funktionsfähige Raffinerie des Landes ein. Und der Chef der Zentralbank warf hin.
Der Ölstaat mit den größten nachgewiesenen Reserven Afrikas taumelt – und Europa schaut wieder einmal nervös zu.
Der Anschlag von Bengasi
Nach Angaben der Libyschen Nationalarmee (LNA) verließ Mansouri am Montagabend eine Moschee, als ein an seinem Fahrzeug befestigter Sprengsatz detonierte. Khaled Haftar, Sohn des im Osten herrschenden Kommandeurs Khalifa Haftar, erklärte, es seien Ermittlungen eingeleitet worden; Hinweise deuteten auf eine "verabscheuungswürdige terroristische Taktik" hin. Zu dem Anschlag bekannte sich bislang niemand.
Für die Haftar-Familie ist das ein Imageschaden. Sie verkauft den Osten Libyens seit Jahren als Insel der Stabilität. Ein Sicherheitsanalyst des Risikodienstleisters Verisk Maplecroft sagte gegenüber Medien, der Fall erinnere daran, wie brüchig die Sicherheitslage im Osten trotz der Dominanz der LNA bleibe.
Brennende Tanks in Zawiya
Fast zeitgleich brannte es in der Raffinerie Zawiya. Laut der staatlichen National Oil Corporation (NOC) traf eine Drohne direkt einen Tank mit rund 4,5 Millionen Litern Treibstoff – der Behälter kollabierte im Feuer. Es war innerhalb von rund 48 Stunden bereits der dritte Angriff auf den Komplex.
Die NOC rief nach Medienberichten die höchste Alarmstufe aus und drohte, den Betrieb ganz einzustellen; sollte es weitere Angriffe geben, komme sogar die Ausrufung höherer Gewalt in Betracht. Zawiya verarbeitet 120.000 Barrel pro Tag und hängt am Sharara-Feld mit 300.000 Barrel täglich. Ingenieure berichteten Reuters, die Raffinerie selbst sei unbeschädigt geblieben – zeitweise stockte aber die Belieferung von Tankstellen im Westen.
Regierungschef Abdul Hamid Dbeibah sprach von einem schweren Verbrechen und einer organisierten, gefährlichen Handlung, die nicht unbeantwortet bleiben werde. Beobachter vermuten, die Angriffe seien Druckmittel rivalisierender Milizen gegen seine Regierung.
Wenn selbst der Notenbankchef geht
Den dritten Schlag lieferte die Zentralbank. Gouverneur Naji Issa reichte laut Dokumenten, deren Echtheit er bestätigte, bei den rivalisierenden Kammern seinen Rücktritt ein – ohne Gründe zu nennen, unter Verweis auf deren "Sensibilität".
Pikant: Issa war 2024 als Kompromisskandidat installiert worden, nachdem ein Machtkampf um genau diesen Posten die libyschen Ölexporte um mehr als die Hälfte einbrechen ließ. Die Zentralbank ist die Kasse, durch die sämtliche Öleinnahmen fließen – wer sie kontrolliert, kontrolliert das Land.
Was das für Europa bedeutet
Libyen fördert wieder mehr als 1,3 Millionen Barrel täglich, im Juni waren es laut Reuters 1,44 Millionen – der höchste Stand seit 2013. Vor dem Sturz Gaddafis waren es 1,6 Millionen. Konzerne wie TotalEnergies, ConocoPhillips, Chevron und Eni haben sich zuletzt neue Blöcke gesichert.
Doch die Rechnung geht nur ohne Drohnen auf. Der Ölpreis notiert ohnehin angespannt – Brent zuletzt bei knapp 89 Dollar, WTI über 83 Dollar, beide rund elf Prozent fester binnen einer Woche, befeuert auch durch die Lage rund um die Straße von Hormus.
Für eine deutsche Industrie, die sich politisch selbst teure Energie verordnet hat, ist jede neue Angebotsstörung ein zusätzlicher Nackenschlag. Geopolitische Brandherde treiben erfahrungsgemäß nicht nur Energiepreise, sondern auch die Nachfrage nach krisenfesten Sachwerten wie physischem Gold und Silber, die seit jeher als Versicherung gegen politische Verwerfungen gelten.
Hinweis: Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzprodukten. Er gibt die Einschätzung unserer Redaktion auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Jeder Leser trifft seine Anlageentscheidungen eigenverantwortlich und sollte sich vorab selbst umfassend informieren.
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