
Aus nach fast 90 Jahren: Ku'damm-Legende Mientus macht dicht!

Ein Stück West-Berlin verschwindet: Das traditionsreiche Herrenmodehaus Mientus hat am Donnerstag offiziell bestätigt, dass es nach fast 90 Jahren aufgibt. Bis Ende Juni 2027 sollen alle drei Berliner Geschäfte nach und nach schließen. Die ersten Räumungsverkäufe starten schon im November.
Betroffen sind die Standorte am Kurfürstendamm, in der Schlüterstraße und in der Wilmersdorfer Straße. Für viele Berliner ist das mehr als eine Geschäftsaufgabe. Es ist das Ende einer Institution.
Die Familie zieht die Reißleine
Ihre Entscheidung erklärte die Eigentümerfamilie auf Facebook. Ausschlaggebend seien die wirtschaftliche Situation des Unternehmens und die veränderten Rahmenbedingungen für unabhängige Modehändler gewesen. Die Belegschaft habe man bereits im Juni persönlich informiert, heißt es von Mientus.
Ganz überraschend kommt das Aus allerdings nicht. Die Fachzeitschrift TextilWirtschaft hatte schon Mitte Oktober berichtet, dass das Ende bevorstehe. Laut dem Bericht soll das Unternehmen dies zuvor gegenüber Lieferanten angekündigt haben.
Der Fahrplan des Abschieds
Der Rückzug läuft in Etappen. Wer noch einmal bei Mientus einkaufen möchte, sollte sich diese Termine merken:
- Kurfürstendamm 52: Räumungsverkauf ab 4. November, Schließung voraussichtlich am 30. Januar 2027
- Schlüterstraße: Räumungsverkäufe ebenfalls ab November
- Wilmersdorfer Straße 73 (Stammhaus): regulär geöffnet über die Herbst- und Wintersaison 2026/27, Räumungsverkauf ab März 2027
Ende Juni 2027 soll der Geschäftsbetrieb dann endgültig eingestellt werden. Danach gehen die Lichter aus.
Von Oppeln an den Ku'damm
Wie eng Mientus mit der deutschen Geschichte verbunden ist, zeigt ein Blick zurück. 1937 eröffnete Michael Mientus in Oppeln in Oberschlesien ein Geschäft für Herrenbekleidung. Nach dem Krieg war die Heimat verloren. 1949 fing die Familie in der Berliner Schlüterstraße noch einmal von vorn an.
Eine typische Nachkriegsgeschichte also: Fleiß, Mut und der feste Wille, sich etwas Neues aufzubauen. 1958 eröffnete das Bekleidungshaus in der Wilmersdorfer Straße, 1972 folgte die Filiale am Kurfürstendamm, damals das Schaufenster der freien Welt mitten im geteilten Berlin.
Kundennummer eins bei Hugo Boss
Drei Generationen lang führte die Familie das Haus und spezialisierte sich auf hochwertige Herrenmode. Neben großen internationalen Designermarken fanden sich in den Regalen auch Kollektionen von Modemachern, die noch kaum jemand kannte. Wie das Stadtmagazin tipBerlin berichtet, gehörte Mientus zu den Pionieren beim Verkauf internationaler Designerlabels. Bei Hugo Boss trägt das Unternehmen seit 1968 die Kundennummer eins.
Verschlafen hat man die Zukunft auch nicht. Schon 1999, als viele Händler das Internet noch für eine Modeerscheinung hielten, verkaufte Mientus seine Ware online.
Ein Alarmsignal für den Mittelstand
Und trotzdem reicht es nicht mehr. Das ist die bittere Pointe dieser Geschichte. Wenn selbst ein Familienbetrieb mit klarem Profil, treuer Stammkundschaft und früher Digitalstrategie aufgeben muss, wie soll es dann den vielen kleineren Händlern gehen?
Beobachter sehen den inhabergeführten Fachhandel seit Jahren unter Druck. Hohe Kosten für Energie, Personal und Mieten, eine ausufernde Bürokratie und die übermächtige Konkurrenz großer Online-Plattformen treffen ihn gleichzeitig. Die Politik verspricht immer wieder Entlastung für den Mittelstand. Doch in den Innenstädten kommt davon offenbar wenig an.
Was bleibt, sind leere Schaufenster und das Gefühl, dass mit jedem Traditionsgeschäft auch ein Stück Identität verloren geht. Am Kurfürstendamm wird man Mientus vermissen. Und das nicht nur wegen der Anzüge.
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