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27.10.2026
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Aufbruch an der Weichsel: Warum immer mehr Deutsche nach Polen ziehen

Aufbruch an der Weichsel: Warum immer mehr Deutsche nach Polen ziehen
Symbolbild: KI-generiert

4.941 Deutsche sind 2025 nach Polen ausgewandert. So viele waren es seit der Corona-Pandemie nicht mehr. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts (Destatis) hervor. In die Gegenrichtung zogen im selben Zeitraum nur 1.720 Menschen. Damit wandern mehr Deutsche über die Oder nach Osten ab, als von dort zurückkommen.

Bemerkenswert ist das Ranking: Polen liegt bei deutschen Auswanderern inzwischen vor Großbritannien, Italien und den Niederlanden. Vorn bleiben nur die Schweiz, Österreich und Spanien.

Vom Billiglohnland zum Sehnsuchtsort

Noch vor zwei Jahrzehnten hätte das wohl niemand für möglich gehalten. Viele Deutsche kannten Polen als Ziel für günstiges Tanken, als Herkunftsland von Erntehelfern und Handwerkern. Heute wächst das Land so schnell, dass sich die Lage umkehrt.

Laut Daten des Internationalen Währungsfonds wuchs die polnische Wirtschaft 2025 um rund 3,6 Prozent. Deutschland kam dagegen kaum vom Fleck. Für 2026 erwartet die EU-Kommission in Polen erneut ein Plus von etwa 3,5 Prozent. Hinzu kommt ein Trend, der den deutschen Arbeitsmarkt zusätzlich trifft: Auch viele Polen, die in Deutschland gelebt haben, gehen in ihre Heimat zurück.

„Ein unglaubliches Gefühl von Aufbruch“

Medienberichten zufolge ist der 33-jährige Kevin Wörner einer der neuen Auswanderer. Er hat eine polnische Mutter und ist von Berlin nach Warschau gezogen. Dort betreibt er eine Firma, die Social-Media-Inhalte für Mittelständler in den USA und in Deutschland produziert. Wörner sagte demnach, in Polen herrsche eine Stimmung des Neuanfangs und alle seien sehr optimistisch.

Gespräche mit Freunden in Deutschland würden ihn dagegen eher herunterziehen. Als Gründe für seinen Umzug nannte er niedrigere Steuern, weniger Bürokratie, eine weiter fortgeschrittene Digitalisierung und ein Klima, das Unternehmer fördere. Er habe den Eindruck, dass in Polen alles etwas einfacher sei.

Andere Zugezogene loben laut den Berichten die Bezahl-App BLIK und die staatliche App mObywatel, mit der sich Behördengänge per Smartphone erledigen lassen. In Deutschland wartet man dagegen oft noch auf einen Termin beim Bürgeramt. Schon früher berichteten Medien, dass sich in Polen ein Unternehmen innerhalb weniger Minuten online gründen lasse.

Pünktliche Züge und Lust auf Leistung

Auch Jens Althoff, Leiter des Warschauer Büros der grünennahen Heinrich-Böll-Stiftung, sieht Polen positiv. Viele Deutsche hätten nach seiner Ansicht noch immer ein ziemlich verzerrtes Bild vom Nachbarland. Als sichtbare Unterschiede nannte er die hohen Investitionen in die Infrastruktur, die starke Digitalisierung, pünktliche Züge und gepflegte Bahnhöfe.

Junge Polen setzten laut Althoff zudem eher auf Leistung und darauf, Dinge umzusetzen. In Deutschland werde dagegen häufiger über Work-Life-Balance gesprochen. Viele Bahnfahrer hierzulande dürften den Vergleich schmerzhaft finden.

Westeuropäische Besucher schreiben in sozialen Netzwerken außerdem oft, wie sicher sie sich in polnischen Städten auch nachts fühlten. Das passt zu einer Debatte, die viele Bürger in Deutschland angesichts hoher Kriminalitätszahlen ohnehin beschäftigt.

Ein Weckruf für Berlin

Polen ist allerdings kein Paradies ohne Probleme. Das Land hatte 2025 das zweithöchste Haushaltsdefizit in der EU, und die Ratingagentur Fitch hat die Kreditwürdigkeit herabgestuft. Dass trotzdem mehr gut ausgebildete Deutsche dorthin ziehen, ist für die Bundesregierung kein gutes Zeichen.

Die Gründe sind bekannt: Deutschland hat hohe Abgaben, viel Bürokratie und eine schleppende Digitalisierung. Die Regierung unter Kanzler Friedrich Merz hatte versprochen, das Land wieder wettbewerbsfähig zu machen. Bisher setzt sie aber vor allem auf neue Schulden in Milliardenhöhe, etwa über das Sondervermögen. Unternehmer und Fachkräfte merken davon im Alltag wenig. Manche reagieren darauf mit dem Umzugswagen.

Die Zahlen sind noch überschaubar. Sie zeigen aber eine Richtung: Wer gut ausgebildete Fachkräfte halten will, muss ihnen bessere Bedingungen bieten. Sonst ziehen sie in Länder, in denen sie bessere Chancen sehen.

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