
Alles oder nichts: Kubicki knüpft das Überleben der FDP an zwei Wahlen

FDP-Chef Wolfgang Kubicki setzt alles auf eine Karte. Sollten die Liberalen im April 2027 den Wiedereinzug in die Landtage von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen verpassen, sei Schluss: für ihn persönlich und, so sagt er es selbst, für die ganze Partei. Seine Ankündigung machte der 74-Jährige am Freitag in einem Interview mit der Zeitung „Die Rheinpfalz“.
Ein Satz wie ein Fallbeil
Kubicki gibt sich zuversichtlich. Er sei „sehr sicher“, dass die FDP in beide Landesparlamente einziehen werde. Dann folgt der Satz, der in Berlin für Aufsehen sorgt:
„Falls das wider Erwarten nicht gelingt, höre ich auf. Das gilt auch für die FDP. Dann war es das.“
Selten hat ein Parteichef so offen über das mögliche Ende der eigenen Partei gesprochen. Man kann das Mut nennen, Kalkül oder Verzweiflung. Wahrscheinlich ist es von allem etwas.
Der Kalender als Countdown
Der Fahrplan ist eng. Voraussichtlich am 18. April 2027 wählen Schleswig-Holstein und das Saarland neue Landtage. Nur eine Woche später, am 25. April, ist Nordrhein-Westfalen an der Reihe. Das bevölkerungsreichste Bundesland war über Jahrzehnte eine Hochburg der Liberalen.
Die Ausgangslage ist allerdings düster. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kam die FDP zuletzt auf gerade einmal 2,6 Prozent und lag damit weit unter der Fünf-Prozent-Hürde. Bereits im März 2026 flog sie in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz aus den Landtagen. Heute sitzt sie nur noch in vier Landesparlamenten:
- Bremen
- Hessen
- Nordrhein-Westfalen
- Schleswig-Holstein
Zwei dieser letzten Bastionen stehen im Frühjahr zur Wahl. Medienberichten zufolge sah eine Umfrage in Schleswig-Holstein die FDP zuletzt nicht im Landtag. Kubickis Optimismus wirkt vor diesem Hintergrund eher wie eine Kampfansage als wie eine nüchterne Prognose.
Vom Regierungspartner zum Sanierungsfall
Der Absturz kam schnell. Noch bis November 2024 regierte die FDP in der Ampel-Koalition mit SPD und Grünen. Dann zerbrach das Bündnis. Bei der vorgezogenen Bundestagswahl im Februar 2025 scheiterten die Liberalen an der Fünf-Prozent-Hürde und flogen aus dem Bundestag. Viele frühere Wähler nehmen der Partei bis heute übel, dass sie drei Jahre lang Projekte von Rot-Grün mitgetragen hat.
Nach den Niederlagen im März 2026 verzichtete Parteichef Christian Dürr auf eine erneute Kandidatur. Kubicki, der eigentlich schon den Rückzug aus der Politik angekündigt hatte, griff zu. Auf dem Bundesparteitag Ende Mai setzte er sich Berichten zufolge in einer Kampfabstimmung mit 390 zu 259 Stimmen gegen Marie-Agnes Strack-Zimmermann durch. Sie hatte vor der Führung durch „alte Schlachtrösser“ gewarnt.
Parteitag ohne Aufbruch
Bemerkenswert nüchtern äußerte sich Kubicki zum außerordentlichen digitalen Parteitag an diesem Sonntag, dem 8. November. Auf die Frage, welche Impulse davon ausgehen sollten, antwortete er knapp: „Keiner.“ Man werde abarbeiten, was beim letzten Parteitag liegen geblieben sei, vor allem Parteireformen und Satzungsänderungen zur Konsolidierung der Parteifinanzen.
Übersetzt heißt das: Erst muss die Kasse stimmen. Den eigentlichen Startschuss ins Wahljahr 2027 soll das traditionelle Dreikönigstreffen in Stuttgart geben.
Wer füllt die Lücke?
Dass die schwarz-rote Koalition unter Friedrich Merz Rekordschulden aufnimmt und Reformen auf die lange Bank schiebt, müsste einer marktliberalen Partei eigentlich Rückenwind geben. Steuerzahler, Mittelständler und Leistungsträger suchen eine politische Stimme. Ob die FDP diese Rolle noch glaubwürdig ausfüllen kann, entscheiden die Wähler im Norden und an Rhein und Ruhr.
Kubicki hat die Fallhöhe selbst festgelegt. Im April 2027 zeigt sich, ob sein Ultimatum die Partei wachrüttelt oder ob es am Ende als ihr Nachruf in Erinnerung bleibt.
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