
Abtreibung bis zur Geburt: Massachusetts kippt die 24-Wochen-Grenze

Die demokratische Gouverneurin von Massachusetts, Maura Healey, hat am Montag ein Gesetz unterzeichnet, das die bisherigen Schranken für Schwangerschaftsabbrüche nach der 24. Woche aufhebt. Eine neue zeitliche Obergrenze enthält das Gesetz nicht. Damit sind Abbrüche im Nordoststaat der USA künftig grundsätzlich bis zur Geburt möglich.
In Kraft tritt die Neuregelung nach Angaben aus dem Büro der Gouverneurin 90 Tage nach der Unterzeichnung. Das Repräsentantenhaus des Bundesstaates hatte die Vorlage am 22. Juli mit 119 zu 33 Stimmen beschlossen, der Senat am 31. Juli mit 15 zu 4.
Aus vier Ausnahmen wird ein einziger Satz
Bislang war ein späterer Abbruch nur unter engen Bedingungen erlaubt: wenn ein Arzt ihn zum Schutz von Leben, körperlicher oder psychischer Gesundheit der Mutter für notwendig hielt – oder bei einer tödlichen Fehlbildung beziehungsweise fehlender Lebensfähigkeit des Kindes außerhalb des Mutterleibs.
Diese Voraussetzungen fallen weg. Das Gesetz H.5595 reduziert die Regelung ab der 24. Woche im Kern auf die Formel, ein Abbruch dürfe auf Grundlage des „professionellen Urteils“ des Arztes vorgenommen werden.
Gestrichen wird zugleich die Pflicht, solche Eingriffe – außer im Notfall – in Krankenhäusern mit geburtshilflicher Ausstattung durchzuführen. Und: Kein internes medizinisches Prüfverfahren soll die Entscheidung von Ärztin und Patientin künftig noch überstimmen können. Wer hier Kontrollmechanismen abbaut, verlagert Verantwortung ins rechtlich Ungeprüfte – so lesen es Kritiker.
Healeys Begründung – und der Gegenwind
Healey verweist auf tragische Spätdiagnosen. Man habe Geschichten voller „pain and anguish and heartache“ gehört, erklärte sie. Betroffene Frauen sollten nicht länger hunderte Meilen reisen müssen, um behandelt zu werden.
Der Sprecher des Repräsentantenhauses, Ronald Mariano, argumentierte Medienberichten zufolge, Entscheidungen über reproduktive Gesundheit müssten ausschließlich zwischen Patientin und Arzt fallen. Auch der zuständige Gesundheitsminister des Bundesstaates stellte sich hinter das Gesetz.
Lebensschutz-Organisationen reagierten entsetzt. Die Präsidentin von SBA Pro-Life America, Marjorie Dannenfelser, erklärte laut Berichten:
„Wir müssen alles tun, um das hässliche Kapitel der späten Abtreibung in Amerika umzublättern.“
Ihre Organisation fordert nationale Schutzregeln für ungeborene Kinder statt der Devise, jeder Bundesstaat solle selbst entscheiden.
Wie viele Fälle betrifft das überhaupt?
Nach Daten des Gesundheitsministeriums von Massachusetts gab es 2024 insgesamt 99 Abbrüche ab der 24. Woche, im Jahr davor 84. Kleine Zahlen, große Symbolik: Nach Angaben von Planned Parenthood schließt sich Massachusetts damit neun weiteren Bundesstaaten – darunter New Jersey, Colorado, Oregon und Vermont – sowie dem District of Columbia an.
Seit die Aufhebung von „Roe v. Wade“ 2022 die Regelungsmacht an die Einzelstaaten zurückgab, driften die USA in dieser Frage weiter auseinander denn je. Während konservative Staaten Fristen verkürzen, entgrenzen demokratisch regierte Staaten sie – Healey hatte zuvor bereits ein Schutzgesetz gegen Strafverfolgung aus anderen Staaten unterzeichnet.
Warum das auch Deutschland betrifft
Auch hierzulande wird über eine Liberalisierung des Paragrafen 218 gestritten – zuletzt heftig im Sommer 2025, als eine Kandidatur für das Bundesverfassungsgericht an der Frage nach dem Schutz des ungeborenen Lebens zu scheitern drohte. Aus Sicht unserer Redaktion zeigt der Fall Massachusetts, wohin die Reise gehen kann, wenn Grenzen erst einmal als bloße „Barrieren“ gelten: Der Schutz des Schwächsten wird zur Verhandlungssache.
Dieser Beitrag gibt unsere Einschätzung auf Basis der uns vorliegenden Informationen wieder. Er stellt keine Rechtsberatung und keine medizinische Beratung dar.
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