
100 Prozent Zoll als Waffe: Washington beschließt Sanktionshammer – und Europa könnte die Rechnung zahlen

Mit 86 zu 11 Stimmen hat der US-Senat am Freitag ein Sanktionspaket gegen Russland durchgewinkt, das an Schärfe kaum zu überbieten ist. Betroffen wären der russische Präsident Wladimir Putin persönlich, Spitzen aus Politik und Militär, Finanzinstitute sowie zentrale Energieprojekte. Doch der eigentliche Sprengstoff steckt nicht in den klassischen Strafmaßnahmen – sondern in einem Instrument, das längst zur Lieblingswaffe des 47. US-Präsidenten geworden ist: dem Zoll.
Sekundärzölle: Wenn Washington über Deutschlands Handelsbilanz mitentscheidet
Denn das Gesetz räumt dem Präsidenten die Befugnis ein, Abnehmer russischen Öls und Erdgases mit Strafzöllen zu belegen. Im Gespräch seien laut Berichten Sätze von bis zu 100 Prozent. Gemeint sind zunächst China und Indien, die Großabnehmer, die den Kreml seit Kriegsbeginn zuverlässig mit Devisen versorgen. Doch die Formulierung reicht weiter – Reuters nennt ausdrücklich auch Japan und einzelne EU-Staaten als mögliche Betroffene. Ausgenommen bleiben demnach Länder, die weniger als fünfzehn Prozent ihres Erdgases aus Russland beziehen und nachweislich weiter reduzieren.
Man muss kein Freund des Kremls sein, um bei diesem Konstrukt hellhörig zu werden. Es bedeutet nichts anderes, als dass eine Handvoll Beamter in Washington künftig darüber befinden könnte, ob deutsche Exporteure mit einer Strafabgabe belegt werden – abhängig davon, wie ein Drittstaat seine Energieversorgung organisiert. Souveränität sieht anders aus. Und Berlin? Schweigt, wie so oft, wenn es unangenehm wird.
Der Preis der Moral steht in der Nebenkostenabrechnung
Bemerkenswert ist, wer im Senat opponierte. Es waren vor allem progressive Demokraten, die angesichts hartnäckiger Inflation und explodierender Lebenshaltungskosten davor warnten, dem Präsidenten eine derart weitreichende Zollvollmacht in die Hand zu drücken. Ein Änderungsantrag der Senatoren Rand Paul und Ron Wyden, der genau diese Befugnisse gestrichen hätte, fiel durch. Der Demokrat Raphael Warnock verzögerte die Abstimmung und ließ sich schriftlich zusichern, dass die Zölle fallen, sobald ein Land nicht mehr als Käufer russischer Energie oder als Sanktionsschlupfloch gelte.
Zölle sind keine Steuer auf fremde Regierungen. Sie sind eine Steuer auf den eigenen Verbraucher – und auf jeden, der in der Lieferkette hängt.
Diese schlichte ökonomische Wahrheit gilt diesseits wie jenseits des Atlantiks. Wer glaubt, ein Strafzoll treffe ausschließlich Moskau, hat die vergangenen vier Jahre europäischer Energiepolitik offenbar verschlafen. Deutschland hat vorgeführt, wie es geht: Erst die eigene Grundlastversorgung abgeschaltet, dann teures Flüssiggas eingekauft, anschließend die Deindustrialisierung als Klimaerfolg verbucht. Die Zeche zahlten Mittelstand und Mieter.
Ein Gesetz mit einem Namen und einer Geschichte
Offiziell trägt das Paket den Titel „Lindsey O. Graham Sanctioning Russia and Iran Act of 2026“. Der republikanische Senator aus South Carolina galt als einer der lautstärksten Unterstützer Kiews im Kongress und hatte über ein Jahr für das Vorhaben geworben. Kurz vor seinem plötzlichen Tod am 11. Juli hatte er noch verkündet, man habe sich mit Trump auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt. Seine Schwester Darline Graham, vom Gouverneur auf den frei gewordenen Sitz berufen, erklärte, das Gesetz treffe Putin dort, wo es schmerze. Enthalten sind zudem verschärfte Iran-Sanktionen, die der Präsident eingefordert hatte. Eine Hintertür bleibt: Der Präsident darf Sanktionen aussetzen, wenn er dem Kongress bestätigt, dies liege im nationalen Interesse.
Das Repräsentantenhaus als Nadelöhr
Ob das Paket den Weg über die zweite Kammer schafft, ist offen. Die Mehrheiten der Republikaner sind in beiden Häusern hauchdünn, und ausgerechnet die Zollklauseln dürften manchem Abgeordneten Bauchschmerzen bereiten, der um die Preise im heimischen Supermarkt fürchtet. Politische Symbolkraft trifft auf wirtschaftliche Realität – ein Konflikt, der in Washington so alt ist wie die Republik selbst.
Was das für Sparer bedeutet
Für den deutschen Bürger bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Der Wirtschaftskrieg ist längst kein außenpolitisches Randthema mehr, sondern ein Faktor, der Lieferketten zerreißt, Energiepreise treibt und Inflation befeuert. Wer sein Vermögen in einer Welt sichern will, in der Zölle, Sanktionen und Kapitalverkehrsbeschränkungen zu Standardinstrumenten geworden sind, sollte sich fragen, wie krisenfest das eigene Portefeuille tatsächlich aufgestellt ist. Physische Edelmetalle kennen keine Sanktionslisten, keine Gegenparteirisiken und keine politischen Sonderabgaben – sie sind seit Jahrtausenden das, was Papierversprechen niemals sein können: greifbarer Besitz.
Und in Berlin? Dort wird man vermutlich wieder überrascht sein, wenn die Rechnung eintrifft. Man kennt das ja mittlerweile.
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