
1,0 Prozent: Die FDP hat sich selbst abgewickelt

Ein Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, 2,5 Prozent in Berlin: Für die Freien Demokraten endete der Wahlsonntag im politischen Nirgendwo. In Schwerin holte laut vorläufigem Ergebnis sogar die Tierschutzpartei mehr Stimmen als die einst staatstragende Regierungspartei. Parteichef Wolfgang Kubicki nannte das Ergebnis am Abend "niederschmetternd" – und kündigte trotzdem an, weiterzumachen.
Eine Niederlagenserie ohne Beispiel
Berlin und Schwerin sind nur die neuesten Kapitel eines langen Absturzes. Allein in diesem Jahr flog die FDP zuvor bereits in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt aus den Landtagen – in Magdeburg hatte sie sogar mitregiert, Stuttgart galt jahrzehntelang als liberale Hochburg.
Davor: Saarland und Niedersachsen 2022, Bayern und Berlin 2023, Sachsen, Brandenburg und Thüringen 2024, Hamburg 2025. Und schließlich der Bundestag, aus dem die Wähler die Partei nach dem Bruch der Ampel mit SPD und Grünen hinauskomplimentierten.
Aus Sicht unserer Redaktion liegt die Ursache nicht im Nebel, sondern in drei Jahren Koalition mit Rot-Grün. Wer als Steuerzahlerpartei antritt und Heizungsgesetz, Selbstbestimmungsgesetz und den Abschied vom letzten Kernkraftwerk mitträgt, verliert seinen Markenkern. Die FDP hat ihren eigenen Wählerauftrag verwaltet, statt ihn zu erfüllen.
Die Kompetenzwerte sind vernichtend
Besonders bitter sind die Umfragedaten zu den früheren Kernthemen. Nur sieben Prozent der Befragten in Berlin trauen der FDP noch in Wirtschaftsfragen etwas zu, in der Bildungspolitik sind es zwei Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern liegen die Werte bei drei Prozent (Wirtschaft) und einem Prozent (Bildung).
Auch die jungen Wähler, in der Corona-Zeit noch eine liberale Bank, sind weg. In Mecklenburg-Vorpommern wählten nur zwei Prozent der 16- bis 24-Jährigen die FDP – bei der vorigen Wahl waren es 13 Prozent. In Berlin blieben drei Prozent.
Kubicki sucht die Schuld bei den anderen
Der Parteichef verwies auf bundesweite Umfragen, die die FDP teils bei fünf Prozent sehen, und folgerte, die "Marke FDP" sei nicht beschädigt. Den Zulauf zu den politischen Rändern erklärte er mit einem tieferen Misstrauen gegenüber der Problemlösungskompetenz der Parteien – das treffe CDU, SPD und FDP gleichermaßen.
"Die Freien Demokraten werden ihren Weg fortsetzen, wieder zu einer politisch bedeutenden Kraft zu werden."
Womit genau, blieb offen. Man sei "die erste Kontrollleuchte, die aufleuchtet", sagte Kubicki. Nur: Wer die Warnleuchte jahrelang überklebt, darf sich über den Motorschaden nicht wundern.
Warnsignal für die ganze Koalitionslogik
Der Wahlsonntag war ohnehin ein Beben. In Mecklenburg-Vorpommern wurde die AfD Medienberichten zufolge mit 38,2 Prozent stärkste Kraft vor der SPD (35,5 Prozent), die CDU verpasste dort die Fünf-Prozent-Hürde. In Berlin gewann die Linke mit 25,7 Prozent, die SPD erlebte ein historisch schwaches Ergebnis.
Die Lehre reicht weit über die Liberalen hinaus: Wähler verzeihen gebrochene Versprechen nicht. Die FDP war 2013 schon einmal aus dem Bundestag gefallen und kehrte 2017 mit 10,7 Prozent zurück. Ob ein zweites Comeback gelingt, erscheint diesmal jedoch fraglich – ein Personalangebot, das über den 70-jährigen Kubicki hinausweist, ist nicht erkennbar.
Für Bürger bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Verlässlichkeit in der Politik ist knapp geworden. Wer Vermögen über Wahlzyklen hinweg sichern will, streut breit – physisches Gold und Silber gehören aus unserer Sicht als stabilisierende Beimischung dazu.
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