
Wolfgang Grupp: Ein Patriarch zerbricht an der Leere – die ungeschönte Wahrheit eines Lebenswerks

Manchmal ist es nicht der Markt, nicht die Konkurrenz, nicht einmal das Finanzamt, das einen Unternehmer in die Knie zwingt. Manchmal ist es die Stille nach dem letzten Tag im Chefsessel. Wolfgang Grupp, 84 Jahre alt, einst die wohl markanteste Stimme des deutschen Mittelstands und über fünf Jahrzehnte das Gesicht von Trigema, hat jetzt offengelegt, was hinter den Mauern seines Hauses auf der Schwäbischen Alb wirklich geschah. Eine Geschichte, die mehr verrät über den Zustand unserer Gesellschaft, als manchem politischen Akteur lieb sein dürfte.
Vom Patriarchen zum Mann, der seine Waffe abgeben muss
Es ist eine Szene von beklemmender Symbolkraft: Der Mann, der jahrzehntelang mit unerschütterlicher Selbstsicherheit auftrat, der in Talkshows reihenweise Wirtschaftsprofessoren in die Schranken wies und die Verlagerung deutscher Produktion ins Ausland geißelte, übergibt seinen Revolver. „Mein Revolver, den ich aus Sicherheitsgründen hatte, ist nicht mehr da. Mein Sohn hat ihn unter Verschluss“, soll Grupp gegenüber der Deutschen Presse-Agentur erklärt haben. Auch der Jagdschein sei abgegeben. Was bleibt, ist ein Mann, der akzeptieren musste, dass sein eigenes Werkzeug der Sicherheit zur Gefahr für ihn selbst geworden war.
Am 7. Juli 2025, so der Tagebucheintrag, den Grupp seit 1953 ohne Unterbrechung führt, steht eine knappe, brutale Zeile: „4.45 Uhr Suizidversuch.“ Mehr nicht. Eine Notiz, die das Leben eines Menschen, der für viele die Verkörperung deutscher Tugenden war, in zwei Hälften teilt.
Die Leere nach der Übergabe
Anfang 2024 hatte Grupp die Geschäftsführung an seine Kinder Wolfgang junior und Bonita übergeben. Was nach geordneter Nachfolge klingt, war für ihn ein Sturz ins Nichts. „Ich stand vor einer Leere. Ich habe gedacht, dass ich nicht mehr gebraucht werde, beziehungsweise dass ich nicht mehr wichtig bin“, gab er zu Protokoll. Wer ein Leben lang Verantwortung trägt, identifiziert sich mit ihr. Wird sie weggenommen – auch freiwillig –, fällt häufig die innere Statik gleich mit.
In der nun erschienenen autorisierten Biografie des Autors Volker ter Haseborg spricht Grupp erstmals ausführlich über jene Stunden. Er nennt den Versuch eine „Kurzschlusshandlung“, einen „Fehler“. Erinnerungen daran habe er kaum. Seine Frau Elisabeth habe darauf bestanden, dieses Kapitel nicht aus dem Buch zu streichen. Sie soll gesagt haben: „Das Kapitel muss geschrieben werden.“ Eine Frau, die wusste, dass Schweigen niemandem hilft – weder dem eigenen Mann noch jenen, die in ähnlicher Verzweiflung sitzen.
Mehr als 2.000 Briefe – ein Spiegel unserer Zeit
Die Resonanz nach dem Bekanntwerden ist bemerkenswert. Über 2.000 Menschen schrieben Grupp – viele berichteten von eigenen Krisen, eigenen Abgründen. Eine Zahl, die nachdenklich stimmen sollte. Denn sie ist mehr als persönliche Solidarität: Sie ist ein Befund. Deutschland, einst Land der stabilen Lebensentwürfe, der berechenbaren Biografien, der gefestigten Familien- und Berufsstrukturen, ist zu einem Land geworden, in dem Vereinsamung, Sinnverlust und psychische Erschöpfung längst keine Randphänomene mehr sind. Wenn selbst ein Mann wie Grupp – umgeben von Familie, Vermögen, gesellschaftlicher Anerkennung – an einen solchen Punkt gelangt, was sagt das dann über jene, die weit weniger Halt haben?
Trigema, „Made in Germany“ und ein offenes Geständnis
Doch Grupp wäre nicht Grupp, würde nicht selbst in dieser Phase eine weitere bemerkenswerte Offenlegung folgen. Er räumte ein, in Hongkong produziert zu haben – obwohl Trigema sich jahrzehntelang das Siegel „Made in Germany“ auf die Fahnen geschrieben hatte. Ein Bruch in der Erzählung, die er selbst so vehement verteidigte. Es zeigt, wie eng der globale Druck inzwischen selbst jene umklammert, die sich am lautesten gegen Verlagerung stemmten. Wer in Deutschland produzieren will – mit Energiepreisen, die durch eine ideologiegetriebene Politik in astronomische Höhen getrieben wurden, mit einer Bürokratie, die Unternehmer eher abschreckt als ermutigt, mit einer Steuerlast, die im internationalen Vergleich kaum noch tragbar ist –, der kämpft gegen Windmühlen. Auch ein Wolfgang Grupp.
Heute: Berater, Medikamente, ein zweiter Anlauf
Heute sitzt Grupp wieder im Büro des Familienunternehmens – als Berater, nicht mehr als Patriarch. Er nehme Medikamente, die Depressionen habe er hinter sich gelassen, sagt er. Die Biografie soll das letzte große private Dokument der Familie bleiben. „Das Allerletzte, das privat herausgegeben wird, ist dieses Buch“, soll Elisabeth Grupp festgelegt haben. Wolfgang junior und Bonita wollen sich künftig nur noch zu unternehmerischen Themen äußern. Eine klare Grenze – und in einer Zeit, in der Privates inflationär ausgestellt wird, fast schon eine Wohltat.
Was bleibt
Die Geschichte Wolfgang Grupps ist mehr als die eines Unternehmers. Sie ist die Geschichte eines Mannes, der lebenslang für Werte stand – Familie, Verantwortung, Standorttreue – und am Ende erkennen musste, dass auch er verletzlich ist. Sie ist eine Mahnung an eine Gesellschaft, die ihre Älteren in den Ruhestand schiebt, ohne ihnen einen Platz zu lassen. Und sie ist ein leiser Appell, dass echter Wohlstand niemals nur in Bilanzen, sondern immer auch in stabilen menschlichen Bindungen, in greifbaren Werten und in einem Sinn jenseits des bloßen Funktionierens liegt.
Vielleicht ist genau das die unausgesprochene Lehre dieses Falls: Dass Sicherheit nicht im Revolver liegt – und auch nicht im flüchtigen Buchgeld einer überschuldeten Volkswirtschaft. Sondern in dem, was man tatsächlich in den Händen halten kann. In Familie. In Tradition. Und in echten, beständigen Werten, die nicht durch politische Launen entwertet werden können.
Wenn Sie Suizidgedanken haben oder sich in einer akuten seelischen Krise befinden, sind Sie nicht allein. Kostenlose und anonyme Hilfe bietet die TelefonSeelsorge rund um die Uhr unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.
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