
Windkraft-Erbe: 75.000 Tonnen Rotorblatt-MĂŒll pro Jahr

Berlin. Deutschlands WindrĂ€der aus den Boomjahren nach 2000 erreichen reihenweise ihr Lebensende â und hinterlassen ein Problem, das niemand rechtzeitig gelöst hat. Nach Angaben der Bundesregierung fallen bis 2040 kumuliert zwischen 326.000 und 430.000 Tonnen Abfall aus reinen GFK-RotorblĂ€ttern an. In einzelnen Spitzenjahren können es bis zu 75.000 Tonnen sein.
Hinzu kommen laut den Zahlen bis zu 212.000 Tonnen aus BlÀttern, die Glas- und Carbonfasern enthalten. Genau diese Àlteren Verbundbauteile gelten als besonders sperrig in der Verwertung.
Warum ausgerechnet die FlĂŒgel zum Problem werden
Die gern zitierten hohen Recyclingquoten kompletter Windkraftanlagen verdecken den heikelsten Teil des RĂŒckbaus. Stahl, Kupfer und Gusseisen lassen sich gut verwerten â die Branche verweist darauf, dass 80 bis 90 Prozent des Materials einer Anlage bereits heute im Kreislauf landen.
Die RotorblÀtter aber bestehen aus Glas- oder Carbonfasern, die dauerhaft in duroplastischen Harzen eingebettet sind. Diese Matrix lÀsst sich nach dem AushÀrten nicht wieder aufschmelzen. Was einmal verbacken ist, bleibt verbacken.
Das Fraunhofer IWES weist darauf hin, dass bestehende Faserverbundstoffe teilweise gar nicht recyclingfĂ€hig seien oder nur mit hohem Energieeinsatz behandelt werden könnten. Neue AnsĂ€tze mit lösbaren Harzen, Thermoplasten und modularen BlĂ€ttern kommen fĂŒr den Altbestand schlicht zu spĂ€t â und selbst fĂŒr die neuen Harzsysteme existiert bislang kein etablierter Industrieprozess.
Schreddern und Verbrennen ist kein Kreislauf
Mechanisch zerkleinerte BlĂ€tter werden zu Flocken, Granulat oder Pulver â die wertvolle Faser ĂŒberlebt das nicht in hochwertiger Form. Zementwerke nehmen das Material als Brennstoff und mineralischen Rohstoffersatz ab. Das verkleinert den MĂŒllberg, erzeugt aber keine einzige neue gleichwertige Glasfaser. Eine einfache Deponierung ist in Deutschland weitgehend ausgeschlossen; in Europa gilt Medienberichten zufolge seit Anfang 2026 zudem ein freiwilliges Deponierungsverbot der Branche.
Wie teuer echtes Recycling ist, zeigt eine Untersuchung der University of Strathclyde an einer Pilotanlage mit 1.000 Kilogramm Blattmaterial pro Tag. Aus 365.000 Kilogramm Jahresinput entstehen rechnerisch rund 247.100 Kilogramm recycelte Glasfaser â zu Bruttokosten von etwa 5,30 Euro je Kilogramm. Neuware wird mit rund 1,98 Euro angesetzt. Auch die COâ-Bilanz kippt: 2,24 Kilogramm COâ je Kilogramm Recyclingfaser gegenĂŒber 1,90 Kilogramm bei Neufaser.
Der RĂŒckbau lĂ€uft schon lĂ€ngst
Erst im industriellen MaĂstab rechnet sich das Ganze. TNO geht von 40.000 bis 50.000 Tonnen Verbundmaterial pro Jahr aus, die eine Anlage verarbeiten mĂŒsste. Solche Mengen liefern RotorblĂ€tter regional nicht verlĂ€sslich â Betreiber mĂŒssten VerbundabfĂ€lle anderer Branchen dazuholen.
Die Uhr tickt trotzdem: Seit 2020 wurden in Deutschland mehr als 2.300 zurĂŒckgebaute Onshore-WindrĂ€der registriert, allein 2024 waren es 627, bis November 2025 weitere 415. Das Fraunhofer IWES erwartet rund 90.000 zu verwertende RotorblĂ€tter in den kommenden 20 Jahren. Eine vielzitierte Prognose nennt weltweit 43 Millionen Tonnen bis 2050.
Neue EU-Regeln greifen zu spÀt
Seit dem 30. Juni 2026 verlangen bestimmte öffentliche Beschaffungen in der EU mindestens 70 Prozent RecyclingfĂ€higkeit â fĂŒr neue BlĂ€tter. RĂŒckwirkend gilt das nicht. Ausgerechnet die Altanlagen dominieren aber den RĂŒckbau der nĂ€chsten Jahre.
Aus Sicht unserer Redaktion offenbart das ein Muster deutscher Energiepolitik: Erst wird ausgebaut und gefördert, die Entsorgungsfrage klÀrt man spÀter. Wer zahlt am Ende? Vermutlich wieder der Steuer- und Stromzahler.
Dieser Beitrag dient der Information und stellt keine Anlage-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Er spiegelt unsere EinschĂ€tzung auf Basis der uns vorliegenden Informationen. Jeder Leser ist fĂŒr seine Entscheidungen selbst verantwortlich und sollte eigenstĂ€ndig recherchieren.
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