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29.10.2026
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Wehrpflicht-Streit: Reicht Freiwilligkeit für den Ernstfall?

Wehrpflicht-Streit: Reicht Freiwilligkeit für den Ernstfall?
Symbolbild: KI-generiert

Deutschland diskutiert wieder über die Wehrpflicht, und diesmal kommt ein besonders scharfer Debattenbeitrag aus der Truppe selbst. In einem aktuellen Gastbeitrag fordert ein ehemaliger Bundeswehrsoldat und Verteidigungspolitiker, die Pflicht zurückzuholen. Das Ziel sei eine Reserve von 600.000 Mann. Das wäre dreimal so viel, wie die Bundesregierung bis 2033 überhaupt anstrebt.

Die Rechnung, die in Berlin keiner aufmachen will

Derzeit verfügt die Bundeswehr nach den Angaben im Beitrag über rund 60.000 beorderte Reservisten. Bis 2033 sollen es mindestens 200.000 werden. Das klingt nach viel und ist doch zu wenig, so der Autor.

Er rechnet vor: Für einen großen Konflikt kalkuliere man in Deutschland mit rund 1000 Verlusten pro Tag. Die Ukraine habe ihre anfänglich 400.000 Reservisten per Mobilmachung auf eine Million aufstocken müssen. Wer soll diese Lücken bei uns füllen? Mit Freiwilligkeit allein sei die nötige Größenordnung nach Ansicht des Autors „völlig illusorisch“.

Ein Blick zurück macht die Dimension deutlich. Im Kalten Krieg hatte die Bundesrepublik je nach Zeitraum und Berechnung zwischen 800.000 und 2,3 Millionen Reservisten. Heute liegen die Reserven westlicher Staaten häufig nur bei 0,11 bis 0,5 Prozent der Bevölkerung. Der Westen habe bewusst aufgehört, für die klassische Landesverteidigung zu planen, heißt es weiter. Man fühlte sich von Freunden umgeben. Rückblickend wirke das naiv.

Abschreckung statt Kriegsangst

Bemerkenswert: Mit Russland-Alarmismus argumentiert der Gastautor ausdrücklich nicht. Einen baldigen konventionellen Angriff auf die Nato halte er für unwahrscheinlich. Damit liegt er auf einer Linie mit US-General Alexus G. Grynkewich, dem obersten militärischen Befehlshaber der Nato. Gerade deshalb brauche es glaubwürdige Streitkräfte, denn ihre Stärke liege in der Abschreckung.

Auch das Drohnen-Argument lässt er nicht gelten. Drohnen müssten gewartet und bedient werden. Gelände sichern, Infrastruktur schützen und Stellungen halten könne aber keine Maschine.

Pistorius' Riesenplan auf Pump

Besonders brisant ist die Kritik an Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). An dessen angepeilte 260.000 aktive Soldaten glaube der Autor nicht. Die Planung beruhe auf gewaltigen Schulden, allein für 2030 seien 180 Milliarden Euro für Verteidigung vorgesehen. Sollte in der Ukraine Frieden einkehren, ließen sich solche Summen kaum noch vermitteln.

Sein Gegenmodell: eine mittelgroße aktive Armee mit einer deutlich größeren Reserve. Reservisten blieben in ihren zivilen Berufen und hielten ihr Können durch regelmäßige Übungen. Das sei günstiger als eine „aufgeblähte Berufsarmee“. Nach dem 500-Milliarden-Sondervermögen dürfte dieses Argument viele Steuerzahler ansprechen.

Der Kompromiss der Koalition wackelt

Seit dem 1. Januar 2026 gilt der „Neue Wehrdienst“ von Union und SPD. Laut Verteidigungsministerium müssen Männer ab dem Jahrgang 2008 einen Fragebogen ausfüllen und zur Musterung erscheinen. Der Dienst selbst bleibt freiwillig, gelockt wird mit mindestens 2.600 Euro Einstiegssold. Erst wenn sich zu wenige melden, könnte der Bundestag laut Medienberichten eine Bedarfswehrpflicht beschließen, im Zweifel sogar per Losverfahren.

Eine Lotterie über die Landesverteidigung? Für Kritiker zeigt das, wie halbherzig die Große Koalition an eine Aufgabe herangeht, die nicht warten kann.

Wofür lohnt sich der Dienst?

Der Gastautor verschweigt die Kosten nicht. Der Dienst greife tief in Ausbildung, Studium, Beruf und Familie ein. Er müsse deshalb gut bezahlt werden und zivil nutzbare Abschlüsse bringen. Das Recht auf Verweigerung aus Gewissensgründen solle bleiben.

Am Ende verteidige der Soldat nicht die Politiker, sondern die Bürger vor Gewalt und Fremdbestimmung. Auch wenn politisch manches im Argen liege, sei das System an sich schützenswert. Darauf zu hoffen, dass die Krise schon ausbleibt, nennt er „fahrlässig und politisch unverantwortlich“. Für Berlin ist das eine unbequeme Wahrheit.

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