
Stromnetz zum Mitlesen: Berlin plant die Landkarte für Saboteure

Es gibt Ideen, die klingen im Berliner Regierungsviertel nach Fortschritt – und wirken auf jeden, der einmal einen Stromausfall erlebt hat, wie eine Einladung. Kaum ein halbes Jahr nach dem Brandanschlag auf die Berliner Stromversorgung, der Zehntausende Haushalte tagelang ins Dunkel stürzte und Betriebe zum Stillstand zwang, beschließt das Kabinett ein Netzanschlusspaket, das Netzbetreiber verpflichten soll, freie Anschlusskapazitäten künftig auf digitalen Karten im Internet auszuweisen. Monatlich aktualisiert. Für jedermann einsehbar. Man muss kein Sicherheitsexperte sein, um bei dieser Kombination aus jüngster Erfahrung und neuer Gesetzeslage ein flaues Gefühl zu bekommen.
Was hinter dem Netzpaket steckt
Der Gedanke ist im Kern nachvollziehbar: Batteriespeicher, Rechenzentren, Wind- und Solarparks, Ladeparks und Industrieanlagen konkurrieren längst um knappe Anschlusspunkte. Und weil neue Anlagen munter dort hochgezogen werden, wo das Netz den Strom gar nicht abtransportieren kann, müssen Betreiber immer wieder abregeln. Kostenpunkt allein im Jahr 2025: mehr als drei Milliarden Euro für sogenannte Redispatch-Maßnahmen. Bezahlt wird das, wie immer, vom Stromkunden – also von der Familie, die ohnehin schon die höchsten Energiepreise Europas stemmt.
Statt aber die Ursache zu benennen – eine ideologisch getriebene Energiewende, die Erzeugung und Netz seit Jahren entkoppelt hat – wird nun an den Symptomen kuriert. Neue Großspeicher und Anlagen sollen künftig dorthin gelenkt werden, wo Kapazität vorhanden ist. In überlasteten Gebieten sollen Betreiber teilweise auf Entschädigung verzichten. Und ab 2028 soll es zusätzlich eine digitale Auskunft für Anschlussvorhaben ab 135 Kilowatt geben, die geeignete Netzverknüpfungspunkte anzeigt. Ausdrücklich „jedermann“ soll diese Auskunft einholen dürfen.
Jedermann – wirklich jedermann?
Genau hier beginnt das Problem. Im Gesetzentwurf finden sich, soweit bekannt, keine Vorgaben dazu, wie detailliert die Karten ausfallen dürfen. Keine Beschränkung des Zugangs zu sensiblen Informationen. Keine Abstufung nach berechtigtem Interesse. Wer immer sich für die Schwachstellen der deutschen Stromversorgung interessiert – ob Projektentwickler oder jemand mit ganz anderen Absichten – bekommt künftig eine Übersicht frei Haus.
Das BSI mahnt, das Ministerium winkt ab
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik stellt die Transparenzpläne nicht grundsätzlich infrage; solche Vorgaben könnten die Energiewende beschleunigen, heißt es. Doch angesichts physischer Angriffe auf Energieanlagen müsse eine Risikoabwägung erfolgen. Entscheidend seien räumliche Auflösung und Aktualität der Daten – in Verbindung mit anderen frei verfügbaren Informationen könnten sie helfen, kritische Netzstrukturen zu identifizieren und gezielte Angriffe zu planen. Ob diese Bedenken bereits während der Ausarbeitung des Entwurfs vorgebracht wurden? Dazu schweigt das Amt. Ob das BSI überhaupt eingebunden war? Dazu schweigt das Wirtschaftsministerium.
Es sind diese Leerstellen, die misstrauisch machen: Wenn eine Regierung auf schlichte Nachfragen keine Antwort gibt, ist die Antwort meist unangenehm.
Der Berliner Netzbetreiber jedenfalls hält die Veröffentlichung netzsensibler Daten schlicht für nicht sinnvoll. Ob Angreifer aus den Karten tatsächlich die verwundbarsten Punkte ablesen könnten, sei zwar noch nicht abschließend zu bewerten – aber das Risikopotenzial bestehe. Sollten die Karten kommen, dürften sie allenfalls in einer sicherheitsunkritischen Detailtiefe erscheinen. Bemerkenswert ist der zweite Einwand: Der praktische Nutzen für die Hauptstadt sei ohnehin überschaubar. Weniger als ein Prozent der Anfragen durchlaufe ein besonderes Zuteilungsverfahren, fast alles lasse sich längst digital beantragen. Die Karte ändere an Tempo und verfügbarer Leistung – nichts.
Bürokratie mit Nebenwirkung
Man fasst es kaum: Da wird eine Pflicht geschaffen, die nach Einschätzung der Betroffenen kaum etwas beschleunigt, aber ein Sicherheitsrisiko schafft. Und begründet wird das Ganze auch noch mit EU-Recht, zu dessen Umsetzung Deutschland verpflichtet sei. Brüssel gibt vor, Berlin führt aus – Widerspruch offenbar nicht vorgesehen. Die Ministeriumssprecherin beruhigt, es handle sich um statische Daten mit allenfalls sehr begrenzter Sicherheitsrelevanz; veröffentlicht würden nur Kapazitäten, die weder belegt noch reserviert seien.
Der eigentliche Skandal liegt woanders
Fairerweise: Nicht alle Fachleute teilen die Warnungen. Ein Sprecher einer unabhängigen Arbeitsgruppe für kritische Infrastrukturen argumentiert, viele Netzinformationen seien ohnehin öffentlich, neuralgische Punkte für jeden mit elektrotechnischem Grundwissen erkennbar. Sicherheit durch Geheimhaltung funktioniere nicht. Der wahre Befund des Berliner Anschlags sei ein anderer: Die zerstörten Leitungen waren zwar redundant ausgelegt – verliefen aber über dieselbe Strombrücke. Fällt die aus, nützt die schönste Doppelauslegung nichts.
Und damit liegt der Finger in der wirklich offenen Wunde. Während in Deutschland über Kartenauflösungen und Transparenzpflichten debattiert wird, fehlt es an dem, was tatsächlich schützt: räumlich getrennte Redundanzen, baulicher Schutz, robuste Reserven. Stattdessen fließen Hunderte Milliarden in Sondervermögen, Klimaziele werden ins Grundgesetz geschrieben, und die banale Frage, ob im Winter das Licht anbleibt, wird an Ausschüsse delegiert. Der Bundestag darf nun beraten. Man darf gespannt sein, ob dort jemand den Mut aufbringt, das Offensichtliche auszusprechen: Ein Land, dessen Energieversorgung von wenigen Brücken, wenigen Trassen und viel Hoffnung abhängt, sollte sich weniger um digitale Landkarten und mehr um Beton, Stahl und Ersatzwege kümmern.
Was das für den Bürger bedeutet
Für Millionen Haushalte bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Die Verwundbarkeit der Infrastruktur ist real, sie ist politisch gemacht, und sie wird nicht durch Absichtserklärungen behoben. Wer im Januar tagelang ohne Strom saß, weiß, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Krisenvorsorge ist deshalb längst keine Marotte von Sonderlingen mehr, sondern schlichte Vernunft – vom Vorrat im Keller bis zur Frage, worin man sein Vermögen hält, wenn Netze wackeln, Schulden explodieren und die Kaufkraft schrumpft. Physische Edelmetalle wie Gold und Silber gelten seit Jahrtausenden als Versicherung gegen genau solche Zeiten: greifbar, unabhängig von Serverfarmen, Stromleitungen und politischen Beteuerungen.
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