
Strom-Notbremse für die Industrie: Netzagentur plant den Ernstfall!

Die Bundesnetzagentur baut mit der „Sicherheitsplattform Strom“ ein Werkzeug auf, mit dem sie in einer schweren Strommangellage den Verbrauch großer Industriebetriebe drosseln oder ganz stoppen könnte. Ab dem Winter 2026/2027 soll das System einsatzbereit sein. Berichten zufolge kämen rund 4.300 Betriebe in Betracht, also Unternehmen, die pro Entnahmestelle mehr als acht Gigawattstunden Strom im Jahr verbrauchen.
Ein Not-Aus für Deutschlands Fabriken
Das Prinzip ist simpel. Netzbetreiber und Großverbraucher müssen sich registrieren und umfangreiche Betriebsdaten hinterlegen. Stellt die Bundesregierung per Rechtsverordnung eine Notfalllage fest, darf die Behörde als „Bundeslastverteiler“ auf Grundlage des Energiesicherungsgesetzes Verbrauchsbeschränkungen anordnen. Nach Angaben des Industrieverbands BDI würden solche Anweisungen mindestens 24 Stunden im Voraus erteilt.
Die Bundesnetzagentur wiegelt ab. Es gebe keinerlei bekannte Gründe, die für einen baldigen Einsatz der Plattform sprächen. Vorbild sei die „Sicherheitsplattform Gas“, die 2022 während der Gaskrise unter großem Zeitdruck entstanden war. Diesmal wolle man vorbereitet sein, bevor es brennt.
Das klingt vernünftig. Doch wer einen Feuerlöscher kauft, rechnet zumindest damit, dass es irgendwann brennen könnte.
Schmelzöfen kennen keinen Pausenknopf
Für die Industrie bringt das Ganze vor allem neue Unsicherheit. Die Politik verlangt von den Unternehmen, ihre Produktion zu elektrifizieren und dafür Milliarden zu investieren. Gleichzeitig sollen dieselben Betriebe im Krisenfall den Puffer für das Netz spielen.
Chemieanlagen, Glaswannen und Schmelzöfen lassen sich aber nicht einfach abschalten wie eine Schreibtischlampe. Schon kurze, ungeplante Stillstände können Anlagen beschädigen, Chargen ruinieren und teure Wiederanläufe erzwingen. Investoren werden das in ihre Standortentscheidung einrechnen. Wer will schon eine Fabrik dort bauen, wo der Staat im Zweifel den Stecker zieht?
Kraftwerke weg, Ersatz fehlt
Das Grundproblem liegt in der Reihenfolge der deutschen Energiewende. Die letzten Kernkraftwerke sind seit April 2023 vom Netz, der Kohleausstieg bleibt beschlossene Sache. Gleichzeitig sollen Wärmepumpen, E-Autos und elektrische Industrieprozesse den Strombedarf kräftig nach oben treiben, auch in wochenlangen Phasen mit wenig Wind und Sonne.
Die Bundesnetzagentur selbst beziffert den nötigen Bruttozubau steuerbarer Kraftwerksleistung bis 2035 auf 22,4 bis 35,5 Gigawatt. Schon 2025 stellte die Behörde fest, dass die Investitionen in solche Kapazitäten nicht ausreichen. Die Abhängigkeit vom Strom wächst also schneller als die Sicherheit seiner Versorgung.
Wenn der Wind schweigt, explodiert der Preis
Wie teuer diese Schieflage wird, zeigen die Börsendaten. Im dritten Quartal 2026 lag der durchschnittliche Großhandelspreis Berichten zufolge bei 125,51 Euro je Megawattstunde, ein Plus von 51,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Am 14. September schoss der Preis zeitweise auf 740,01 Euro, weil Wind- und Solaranlagen kaum lieferten und konventionelle Kraftwerke einspringen mussten.
An sonnigen, windigen Tagen rutschen die Preise dagegen teils ins Negative. Ein Stromsystem, das sich nach dem Wetterbericht richtet, ist für energieintensive Betriebe ein schwer kalkulierbares Risiko.
Mangel verwalten statt Mangel beheben
Dass Behörden für den Ernstfall gerüstet sein müssen, bestreitet niemand. Das Energiesicherungsgesetz stammt in seiner Urfassung aus der Ölkrise 1973/74, Krisenvorsorge ist also nichts Neues. Spätestens seit den mutmaßlichen Sabotagefällen an Stromleitungen in Brandenburg und im Rheinland Anfang September ist das Thema Netzsicherheit zudem kein theoretisches mehr.
Kritiker sehen in der Plattform dennoch ein Armutszeugnis der Energiepolitik. Der Staat schafft neue elektrische Abhängigkeiten, ohne zuerst Kraftwerke und Leitungen bereitzustellen. Stattdessen bereitet er die Rationierung vor. Für die Regierung Merz ist das eine klare Aufgabe: Gesicherte Kraftwerksleistung und Netzausbau müssen Vorrang haben vor neuen Elektrifizierungsquoten. Die Sicherheitsplattform kann den Mangel nur verwalten. Beheben kann sie ihn nicht.
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